Die Reise mehrerer AfD-Politiker zum St. Petersburger Wirtschaftsforum wird von vielen Seiten kritisiert. Dabei entsteht teilweise der Eindruck, als sei bereits die Anwesenheit in Russland ein Beleg für die Unterstützung der Politik Wladimir Putins. Eine solche Sichtweise greift jedoch zu kurz und wird der Komplexität internationaler Beziehungen nicht gerecht.
Niemand muss den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine relativieren oder verharmlosen. Russland hat mit seinem Vorgehen schweres Leid verursacht und gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts verstoßen. Kritik daran ist richtig und notwendig.
Genauso richtig ist jedoch die Frage, ob es sinnvoll sein kann, Gesprächskanäle vollständig abzubrechen. Diplomatie bedeutet gerade, auch mit Staaten und Regierungen zu sprechen, deren Politik man ablehnt. Wer jede Kommunikation verweigert, erschwert langfristig die Suche nach politischen Lösungen.
Außerdem sollte man nicht vergessen, dass dieser Krieg irgendwann enden wird. Danach wird es eine Nachkriegsordnung geben, in der Europa und Russland wieder Wege finden müssen, miteinander umzugehen. Wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Beziehungen werden nicht dauerhaft auf Eis bleiben können. Wer heute Kontakte pflegt, bereitet nicht zwangsläufig eine Unterstützung des Kremls vor, sondern möglicherweise die Grundlage für künftige Verständigung.
Deshalb sollte man vorsichtig sein, Menschen allein aufgrund einer Reise nach Russland in eine politische Ecke zu stellen. Ein Besuch in Russland bedeutet noch lange nicht, dass man den Krieg unterstützt oder Putins Ansichten teilt. Entscheidend ist, welche Positionen vertreten werden und ob man sich klar für Frieden, Verhandlungen und ein Ende der Gewalt einsetzt.
Die eigentliche Frage lautet daher: Ist es wirklich im Interesse Europas, jede Form des Dialogs mit Russland zu beenden? Oder wäre es nicht klüger, trotz aller Konflikte Gesprächskanäle offen zu halten, um die Voraussetzungen für eine spätere Normalisierung der Beziehungen zu schaffen? Denn Frieden entsteht selten durch Schweigen, sondern meist durch Kommunikation.