Für rund 1.600 Menschen in Osnabrück beginnt der Sonntag mit einer erneuten Evakuierung. Im Baugebiet Lokviertel nahe des Hauptbahnhofs stehen heute die Untersuchungen zweier Verdachtspunkte auf mögliche Bombenblindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg an. Die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner müssen ihre Häuser und Wohnungen bis spätestens 9 Uhr verlassen haben. Nach Angaben der Stadt droht Personen, die sich anschließend noch im Sperrgebiet aufhalten, ein Bußgeld in Höhe von 300 Euro.
Die neuerliche Bombenräumung reiht sich in eine Serie von Kampfmitteluntersuchungen im Lokviertel ein, das in den vergangenen Monaten mehrfach im Mittelpunkt umfangreicher Evakuierungsmaßnahmen stand. Dieses Mal fällt der Sicherheitsradius jedoch deutlich kleiner aus als bei früheren Einsätzen. Der Grund: Nach Einschätzung der Experten handelt es sich bei den beiden Verdachtspunkten mit hoher Wahrscheinlichkeit um Kampfmittel mit einem Gewicht von etwa 50 Kilogramm. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, wäre die mögliche Sprengkraft erheblich geringer als bei größeren Fliegerbomben, die in der Vergangenheit für deutlich umfangreichere Evakuierungen sorgten.
Auswirkungen auf den Bahnverkehr
Trotz des kleineren Evakuierungsgebietes hat die Maßnahme erhebliche Auswirkungen auf den Bahnverkehr. Mehrere Gleisanlagen befinden sich innerhalb des Sicherheitsbereichs, weshalb die Deutsche Bahn zahlreiche Fernverkehrszüge umleiten muss.
Besonders betroffen sind ICE-Verbindungen zwischen Hamburg, Bremen, Münster und München. Hier entfällt der Halt in Osnabrück, stattdessen wird Rheine als Ersatzhalt angefahren. Reisende müssen mit einer Verlängerung der Fahrzeit von etwa 30 Minuten rechnen.
Auch auf der internationalen Strecke zwischen Amsterdam und Berlin kommt es zu Einschränkungen. Die Haltestellen Osnabrück und Bünde entfallen, stattdessen halten die Züge in Hamm und Münster. Ebenfalls betroffen sind Verbindungen zwischen Berlin, Hannover, Münster und Aachen, bei denen mehrere planmäßige Halte ausfallen.
Die Deutsche Bahn empfiehlt Fahrgästen, nach Möglichkeit auf den Regionalverkehr zwischen Rheine und Osnabrück Hauptbahnhof auszuweichen.
Stadtverkehr bleibt weitgehend stabil
Während der Fernverkehr deutliche Einschränkungen hinnehmen muss, bleibt der Busverkehr innerhalb Osnabrücks größtenteils aufrechterhalten. Nach Angaben der Stadt werden mehrere Linien zwar umgeleitet, größere Ausfälle sollen jedoch vermieden werden. Der Hauptbahnhof bleibt weiterhin durch den öffentlichen Nahverkehr erreichbar.
Für Betroffene richtet die Stadt in der Gesamtschule Osnabrück-Schinkel erneut ein Evakuierungszentrum ein. Dort können sich Menschen während der Dauer der Maßnahmen aufhalten, die keine alternative Unterkunft bei Freunden oder Verwandten haben.
Lokviertel: Ein ehemaliges Bahngelände mit historischer Belastung
Das Lokviertel zählt zu den bedeutendsten Stadtentwicklungsprojekten Osnabrücks. Auf dem ehemaligen Bahnareal entstehen neue Wohn- und Gewerbeflächen. Bevor die Bauarbeiten vollständig abgeschlossen werden können, müssen allerdings sämtliche Flächen auf mögliche Kampfmittelreste untersucht werden.
Der Hintergrund liegt in den massiven Luftangriffen auf den Bahnknotenpunkt Osnabrück während des Zweiten Weltkriegs. Insbesondere rund um den Hauptbahnhof und die damaligen Bahnanlagen gingen zahlreiche Bomben nieder. Noch heute werden bei Bauprojekten regelmäßig Blindgänger oder Verdachtsfälle entdeckt.
Möglicherweise die letzte Evakuierung im Lokviertel
Für viele Anwohner dürfte die heutige Räumung vor allem deshalb von besonderer Bedeutung sein, weil sie möglicherweise den Abschluss der Kampfmittelsuche im Lokviertel markiert. Nach Angaben der Stadt wurde das gesamte Gelände inzwischen systematisch untersucht. Sollten die heutigen Arbeiten erfolgreich abgeschlossen werden und keine weiteren Verdachtspunkte auftauchen, könnte dies die letzte Bombenräumung in diesem Entwicklungsgebiet sein.
Für die betroffenen Bürgerinnen und Bürger bedeutet das Hoffnung auf ein Ende der wiederkehrenden Evakuierungen. Bis dahin heißt es jedoch noch einmal: Wohnungen verlassen, Geduld mitbringen und auf die Entwarnung der Einsatzkräfte warten. Ob sich unter den beiden Verdachtspunkten tatsächlich Bombenblindgänger befinden, wird sich erst im Laufe des Tages zeigen. Bis dahin steht Osnabrück erneut im Zeichen eines Einsatzes, der an die bis heute spürbaren Folgen des Zweiten Weltkriegs erinnert.