Indien hat in den vergangenen Jahren massiv in den Ausbau seiner städtischen Metro-Systeme investiert. Mehr als 26 Milliarden US-Dollar flossen in neue Strecken in fast zwei Dutzend Städten. Doch trotz dieser enormen Investitionen bleibt ein zentrales Ziel vieler Projekte bislang unerreicht: ausreichend Fahrgäste.
Große Pläne, geringe Auslastung
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die neue Aqua Line in Mumbai. Die unterirdische Strecke sollte täglich rund 1,5 Millionen Fahrgäste befördern. Tatsächlich liegt die Nutzung laut Schätzungen bei nur etwa einem Zehntel dieser Zahl.
Dieses Problem beschränkt sich nicht auf einzelne Projekte. Studien zeigen, dass viele Metro-Linien in Indien lediglich 20 bis 50 Prozent der ursprünglich prognostizierten Fahrgastzahlen erreichen. In einigen Städten fällt die Nutzung sogar noch deutlich geringer aus.
Prognosen oft zu optimistisch
Ein zentraler Grund liegt offenbar in den ursprünglichen Planungen. Experten kritisieren, dass die erwartete Nachfrage häufig zu optimistisch angesetzt wurde. In vielen Fällen seien Prognosen eher darauf ausgelegt gewesen, Projekte wirtschaftlich darstellbar zu machen, als realistische Nutzungszahlen abzubilden.
Zudem basieren manche Berechnungen auf theoretischen Kapazitäten – etwa maximaler Zugfrequenz oder Anzahl der Waggons –, die im Betrieb gar nicht erreicht werden.
Hohe Preise schrecken Nutzer ab
Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Preis. Für viele Menschen in Indien ist die Metro vergleichsweise teuer. Gerade für einkommensschwächere Bevölkerungsschichten kann die Nutzung einen erheblichen Anteil des monatlichen Budgets ausmachen.
Im Vergleich dazu sind traditionelle Verkehrsmittel wie Vorortzüge oft deutlich günstiger. Das führt dazu, dass viele potenzielle Nutzer trotz besserer Infrastruktur bei den billigeren Alternativen bleiben.
Fehlende Anbindung als strukturelles Problem
Ein häufig unterschätzter Punkt ist die sogenannte „letzte Meile“. Viele Metrostationen sind schlecht an andere Verkehrsmittel angebunden. Es fehlen Busverbindungen oder andere Zubringer, die den Weg vom Wohnort zur Station erleichtern.
Auch Umstiege innerhalb des Systems sind teilweise umständlich und zeitaufwendig. In großen Städten kann ein Linienwechsel bis zu 20 Minuten dauern – ein erheblicher Nachteil im Alltag.
Sicherheits- und Infrastrukturfragen
Zusätzliche Hemmnisse ergeben sich aus praktischen Alltagsproblemen. Schlechte Fußwege, mangelnde Infrastruktur rund um Stationen und Sicherheitsbedenken – insbesondere bei nächtlichen Fahrten – halten viele Menschen davon ab, die Metro regelmäßig zu nutzen.
Gerade für Frauen spielt die Frage der Sicherheit eine zentrale Rolle bei der Wahl des Verkehrsmittels.
Einzige Ausnahme: Delhi
Eine Ausnahme bildet die Hauptstadt Delhi, deren Metro-System als vergleichsweise erfolgreich gilt. Allerdings weisen Experten darauf hin, dass auch hier statistische Effekte – etwa die doppelte Zählung von Umstiegen – eine Rolle spielen könnten.
Perspektive: Langsames Wachstum statt Durchbruch
Trotz aller Probleme erwarten Fachleute, dass die Nutzung der Metro-Systeme langfristig steigen wird. Verkehrsprobleme, Luftverschmutzung und Parkplatzmangel nehmen in vielen Städten weiter zu und erhöhen den Druck, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.
Ein schneller Durchbruch ist jedoch unwahrscheinlich. Entscheidend wird sein, ob es gelingt:
- die Preise attraktiver zu gestalten
- Netze besser zu verknüpfen
- Umstiege und Zugfrequenzen zu optimieren
- die Anbindung der Stationen zu verbessern
Fazit
Der massive Ausbau der Metro-Systeme in Indien zeigt, wie ambitioniert die Infrastrukturpolitik des Landes ist. Gleichzeitig offenbaren die niedrigen Fahrgastzahlen die Herausforderungen bei Planung und Umsetzung.
Ohne bessere Integration, realistischere Kalkulationen und bezahlbare Tarife droht ein Teil der Milliardeninvestitionen hinter den Erwartungen zurückzubleiben.