In Deutschland bleibt ein großer Teil staatlicher Unterstützung für Pflegebedürftige ungenutzt – mit gravierenden sozialen Folgen. Eine aktuelle Untersuchung des Paritätischer Gesamtverband zeigt: Hunderttausende Menschen, die Anspruch auf finanzielle Hilfe hätten, nehmen diese Leistungen nicht in Anspruch.
Nur ein Bruchteil erhält Unterstützung
Konkret geht es um die sogenannte „Hilfe zur Pflege“, eine Sozialleistung für Menschen mit geringem Einkommen, die zu Hause gepflegt werden. Laut Studie haben bundesweit rund 390.000 Personen Anspruch darauf. Tatsächlich beziehen jedoch nur etwa 76.000 diese Unterstützung – das entspricht lediglich rund 20 Prozent.
Die Analyse des Freiburger Sozialforschers Thomas Klie legt nahe, dass etwa 315.000 Anspruchsberechtigte leer ausgehen. Der Verband spricht von einem erheblichen Dunkelfeld – viele Betroffene leben demnach in verdeckter Pflegearmut.
Ursachen: Scham, Unwissenheit und Hürden
Die Gründe für diese Diskrepanz sind vielfältig. Ein zentraler Faktor ist mangelnde Information: Viele Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen wissen schlicht nicht, dass ihnen diese Unterstützung zusteht.
Hinzu kommt ein emotionaler Aspekt: Scham. Gerade ältere Menschen scheuen oft den Gang zum Amt oder empfinden es als belastend, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Ein weiteres Problem liegt im System selbst. Die Studie kritisiert eine uneinheitliche Verwaltungspraxis bei den Sozialämtern. Je nach Region unterscheiden sich die Bewilligungsquoten teils erheblich.
Deutliche regionale Unterschiede
Die Zahlen zeigen ein klares Gefälle innerhalb Deutschlands:
-
Im Saarland erhalten nur rund 9,5 Prozent der Anspruchsberechtigten Leistungen
-
In Mecklenburg-Vorpommern hingegen sind es über 47 Prozent
-
Sachsen liegt bei rund 39 Prozent
-
Sachsen-Anhalt bei etwa 21,7 Prozent
-
Thüringen bei rund 25,7 Prozent
Im bundesweiten Durchschnitt beziehen lediglich 19,44 Prozent der Berechtigten die Hilfe.
Diese Unterschiede werfen grundlegende Fragen zur Gleichbehandlung im Sozialstaat auf.
Kritik und Forderungen
Der Paritätische Gesamtverband kritisiert die Situation deutlich. Nach Ansicht des Verbands hängt die Unterstützung aktuell stark vom Wohnort ab – ein Zustand, der mit dem Anspruch auf soziale Gerechtigkeit kaum vereinbar ist.
Gefordert wird daher eine bundesweit einheitliche Umsetzung der gesetzlichen Regelungen. Ziel müsse es sein, dass alle Pflegebedürftigen – unabhängig von ihrer Postleitzahl – gleichermaßen Zugang zu den ihnen zustehenden Leistungen erhalten.
Fazit
Die Studie macht ein strukturelles Problem sichtbar: Nicht fehlende Leistungen, sondern fehlender Zugang ist oft das eigentliche Hindernis.
Solange Information, Beratung und Verwaltungsabläufe nicht verbessert werden, bleibt ein großer Teil der Betroffenen ohne Unterstützung – und die verdeckte Pflegearmut ein drängendes gesellschaftliches Thema.