Der drastische Preisverfall auf dem Milchmarkt bringt viele landwirtschaftliche Betriebe zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Vor allem kleinere und mittelständische Milchviehbetriebe stehen unter Druck, da die Erlöse für Rohmilch vielerorts nicht mehr ausreichen, um die laufenden Kosten zu decken. Vor diesem Hintergrund hat das niedersächsische Landwirtschaftsministerium zu einem sogenannten „Milchgipfel“ nach Hannover eingeladen.
Nach Angaben aus der Branche liegt der Auszahlungspreis für Milch derzeit teilweise deutlich unter den Produktionskosten vieler Betriebe. Steigende Ausgaben für Energie, Futter, Personal und Investitionen in Tierwohl- und Umweltauflagen verschärfen die Situation zusätzlich. Viele Milchbauern warnen deshalb vor einem weiteren Strukturbruch in der Landwirtschaft.
Initiiert wurde das Treffen von Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte. Ziel des Treffens ist es, gemeinsam mit Verbänden der Landwirtschaft Wege zu finden, wie sich die wirtschaftliche Lage der Milchviehhalter stabilisieren lässt. Gleichzeitig will das Land Niedersachsen den politischen Druck auf den Bund erhöhen.
Die Landesregierung plant, das Thema bereits in der kommenden Woche auf der Agrarministerkonferenz einzubringen. Dort soll ein Beschluss angestoßen werden, der die Bundesregierung stärker in die Pflicht nimmt, sich für bessere Rahmenbedingungen auf dem Milchmarkt einzusetzen.
Kritik aus der Landwirtschaft richtet sich dabei auch an Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Einige Vertreter der Branche werfen ihm vor, bislang zu wenig Initiative zu zeigen, um die Situation der Milchbauern zu verbessern. Dabei sind viele entscheidende Instrumente zur Regulierung des Milchmarktes auf europäischer Ebene angesiedelt.
Grundsätzlich existieren bereits Maßnahmen, die in Krisenzeiten eingesetzt werden könnten. Dazu zählen etwa verpflichtende Lieferverträge zwischen Molkereien und Landwirten, die mehr Planungssicherheit bei Preisen und Liefermengen schaffen sollen. Auch Programme, bei denen Landwirte für einen freiwilligen Produktionsverzicht entschädigt werden, gelten als mögliche Instrumente, um das Angebot am Markt zu reduzieren und Preise zu stabilisieren.
Innerhalb der Landwirtschaft gehen die Meinungen über die richtigen Maßnahmen jedoch auseinander. Das Landvolk Niedersachsen steht direkten staatlichen Eingriffen in den Markt eher skeptisch gegenüber. Aus Sicht des Verbands wären steuerliche Instrumente für Landwirte sinnvoller.
Vizepräsident Frank Kohlenberg plädiert beispielsweise für die Einführung steuerfreier Risikorücklagen. Landwirte könnten in guten Jahren Rücklagen bilden und diese in Phasen niedriger Preise nutzen, um Einkommensverluste auszugleichen. Solche Modelle werden in der Landwirtschaft schon länger diskutiert, konnten sich bislang jedoch politisch nicht durchsetzen.
Darüber hinaus fordert das Landvolk eine stärkere internationale Vermarktung deutscher Milchprodukte. Eine gezielte Exportstrategie könnte helfen, zusätzliche Absatzmärkte zu erschließen und damit den Preisdruck im Inland zu reduzieren.
Am Milchgipfel in Hannover nehmen neben dem Landvolk auch Vertreter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Niedersachsen/Bremen sowie des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter teil. Die unterschiedlichen Interessen innerhalb der Branche machen jedoch deutlich, wie komplex die Lage auf dem Milchmarkt ist.
Während einige Organisationen stärkere staatliche Eingriffe fordern, setzen andere eher auf marktwirtschaftliche Lösungen. Ein gemeinsamer Nenner besteht jedoch in der Einschätzung, dass sich die wirtschaftliche Situation vieler Milchbetriebe in den vergangenen Jahren spürbar verschlechtert hat.
Sollte sich an der Preisentwicklung nichts ändern, warnen Experten vor einer weiteren Beschleunigung des Strukturwandels in der Landwirtschaft. Bereits in den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Milchviehbetriebe in Deutschland deutlich gesunken. Besonders kleinere Familienbetriebe geraten zunehmend unter Druck, während größere Agrarunternehmen ihre Marktposition ausbauen.
Der Milchgipfel soll nun zumindest einen ersten Schritt darstellen, um Lösungen für diese Entwicklung zu finden – auch wenn viele zentrale Entscheidungen letztlich auf Bundes- oder EU-Ebene getroffen werden müssen.