Ein anzüglicher Spruch auf der Straße, ein hinterhergerufenes Pfeifen oder eine obszöne Geste – für viele Frauen gehören solche Situationen zum Alltag. Obwohl diese Form der sexuellen Belästigung für Betroffene belastend sein kann, ist sogenanntes „Catcalling“ in Deutschland bislang kein eigener Straftatbestand. Die Bundesregierung prüft nun, ob sich das künftig ändern soll.
Alltagserfahrung vieler Frauen
Der Begriff „Catcalling“ beschreibt verbale oder nonverbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Dazu zählen beispielsweise anzügliche Kommentare, Pfeifen, Hinterherrufen oder anstößige Gesten. Betroffene berichten häufig, dass solche Situationen spontan und unvermittelt auftreten.
Eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten aus München versucht seit einiger Zeit, auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Unter dem Namen „Catcalls of Munich“ sammeln sie Berichte von Betroffenen über soziale Netzwerke. Die gemeldeten Sprüche schreiben sie anschließend mit Kreide an den Orten der Vorfälle auf den Boden, um sichtbar zu machen, wie häufig solche Belästigungen vorkommen.
Viele Frauen berichten, dass diese Erfahrungen ihr Verhalten langfristig beeinflussen. Manche meiden bestimmte Straßen oder verändern ihren Heimweg. Andere passen ihr Verhalten oder ihre Kleidung an, um nicht erneut Ziel solcher Kommentare zu werden.
Studien zeigen große Verbreitung
Mehrere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Catcalling weit verbreitet ist. Eine nicht repräsentative Online-Umfrage der Universität Trier aus dem Jahr 2022 ergab, dass rund 95 Prozent der befragten Frauen bereits entsprechende Erfahrungen gemacht haben.
Auch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen weist darauf hin, dass Betroffene solche Situationen besonders häufig im jungen Erwachsenenalter erleben – oft um das 19. Lebensjahr herum.
Beratungsstellen wie der Frauennotruf München berichten zudem von psychischen Belastungen, die solche Erfahrungen hinterlassen können. Neben dem unmittelbaren Unwohlsein fühlen sich viele Betroffene im öffentlichen Raum dauerhaft unsicherer.
Strafrechtliche Grenzen
Trotz der häufigen Vorkommnisse ist Catcalling nach geltendem deutschen Recht in der Regel nicht strafbar. Erst wenn eine körperliche Berührung oder ein besonders aggressives Verhalten hinzukommt, können Straftatbestände wie sexuelle Belästigung oder Beleidigung greifen.
Der Grund dafür liegt in der juristischen Definition von Straftaten. Viele Formen von Catcalling bewegen sich rechtlich in einer Grauzone zwischen unangemessenem Verhalten und strafbarer Handlung. Ohne körperliche Berührung oder eindeutige Bedrohung ist es oft schwierig, eine klare Grenze zu ziehen.
Zudem stellt sich ein praktisches Problem: Viele Vorfälle geschehen spontan im öffentlichen Raum und lassen sich später nur schwer beweisen. Zeugenaussagen fehlen häufig, und auch die genaue Formulierung eines Zurufs kann juristisch entscheidend sein.
Politische Diskussion über Gesetzesänderung
Seit einigen Jahren wird deshalb darüber diskutiert, Catcalling ausdrücklich unter Strafe zu stellen. Ein entsprechender Gesetzesvorschlag aus Niedersachsen scheiterte allerdings im Jahr 2024 im Bundesrat. Kritiker verwiesen damals auf rechtliche Unsicherheiten und mögliche Probleme bei der praktischen Anwendung.
Im Herbst 2025 griff die SPD-Bundestagsfraktion das Thema erneut auf. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig bestätigte inzwischen, dass ihr Ministerium an einem Vorschlag arbeitet, der eine mögliche Strafbarkeit prüfen soll. Details zum Inhalt eines möglichen Gesetzentwurfs sind bislang jedoch nicht bekannt.
Auch aus der Opposition gibt es vorsichtige Zustimmung für eine Debatte über neue Regelungen. Gleichzeitig wird betont, dass ein Gesetz juristisch klar formuliert sein müsse und in der Praxis tatsächlich anwendbar sein sollte.
Schwieriger Balanceakt
Die Diskussion zeigt, wie komplex das Thema ist. Einerseits berichten viele Frauen von belastenden Erfahrungen, die bislang rechtlich kaum Konsequenzen haben. Andererseits muss ein möglicher Straftatbestand so formuliert sein, dass er eindeutig und rechtssicher angewendet werden kann.
Ob Catcalling in Deutschland künftig strafbar wird, bleibt daher offen. Klar ist jedoch bereits jetzt: Die gesellschaftliche Debatte über sexuelle Belästigung im Alltag hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen.