Die Affäre um Jeffrey Epstein holt eine der mächtigsten Investmentfirmen der Wall Street erneut ein. Fünf Jahre nachdem der Milliardär Leon Black infolge des Skandals als CEO von Apollo Global Management zurücktrat, werfen neu veröffentlichte Dokumente aus den sogenannten „Epstein Files“ wieder Fragen zur Transparenz und zum Umgang des Konzerns mit dem verurteilten Sexualstraftäter auf.
Im Zentrum steht diesmal nicht Black, sondern sein Nachfolger Marc Rowan.
Treffen nach dem Schuldspruch
Die kürzlich freigegebenen Millionen Seiten an Unterlagen zeigen, dass Rowan mehrfach Kontakt mit Epstein hatte – und zwar Jahre nach dessen Schuldbekenntnis im Jahr 2008 wegen der Anwerbung einer Minderjährigen zur Prostitution und der darauffolgenden 18-monatigen Haftstrafe.
Zwei große US-Lehrergewerkschaften, die zusammen mindestens 27,5 Milliarden Dollar bei Apollo investiert haben, fordern nun die Börsenaufsicht SEC auf, den Konzern wegen einer „offensichtlichen mangelnden Offenheit“ zu untersuchen. In einem Schreiben an die Behörde werfen sie Apollo vor, Investoren ein unvollständiges Bild der Verbindungen zu Epstein vermittelt zu haben.
Apollo weist Vorwürfe zurück
Apollo reagierte mit einer Schadensbegrenzungsoffensive. In einem Schreiben an Kunden erklärte Konzernpräsident James Zelter, in den neuen Dokumenten gebe es „nichts Neues“. Weder Marc Rowan noch andere Apollo-Mitarbeiter – mit Ausnahme von Leon Black – hätten eine geschäftliche oder persönliche Beziehung zu Epstein gehabt.
Zelter räumte ein, dass es „in ausgewählten Fällen“ Informationsaustausch gegeben habe, und zwar im Zusammenhang mit steuerlichen Angelegenheiten, die Epstein für Black bearbeitet habe. Versuche Epsteins, weitere Apollo-Führungskräfte als Kunden zu gewinnen, seien „ausnahmslos abgelehnt“ worden.
Alte Wunden, neue Fragen
Die Verbindung zwischen Apollo und Epstein ist nicht neu. Leon Black, Mitgründer von Apollo, trat 2021 zurück, nachdem eine Untersuchung ergab, dass er zwischen 2012 und 2017 insgesamt 158 Millionen Dollar an Epstein gezahlt hatte – offiziell für Steuer- und Vermögensberatung.
Ein Bericht der Kanzlei Dechert LLP stellte damals fest, dass Black zwar erklärt habe, er habe Epsteins Dienste nicht aktiv anderen Apollo-Führungskräften empfohlen – diese Aussage sei „nicht falsch, hätte aber präziser formuliert werden können“.
Die aktuellen Enthüllungen werfen nun neue Fragen auf: Warum wurden Treffen und E-Mail-Kontakte zwischen Rowan und Epstein nach 2008 nicht deutlicher kommuniziert? Und könnten frühere Aussagen gegenüber Investoren irreführend gewesen sein?
E-Mails zu Steuerthemen
Unter den veröffentlichten Dokumenten befinden sich E-Mails aus dem Jahr 2016. Darin diskutierten Epstein und Rowan unter anderem eine mögliche sogenannte „Corporate Inversion“ – eine steuerliche Umstrukturierung, bei der ein Unternehmen seinen Sitz in ein Niedrigsteuerland verlegt.
Epstein schrieb, die Einbindung der Investmentbank Rothschild ermögliche „interessante Strukturen“. Rowan antwortete zustimmend. In einer weiteren E-Mail wurde Epstein in interne Kommunikation zur Bewertung steuerlicher Vermögenswerte eingebunden. Ein Manager eines Apollo-Ablegers empfahl sogar, Epstein wegen seiner „substanziellen Expertise“ in bestimmten Steuerfragen einzubeziehen.
Für die Gewerkschaften sind diese Vorgänge ein Indiz, dass frühere Darstellungen Apollos zumindest unvollständig waren.
Forderung nach SEC-Untersuchung
Die American Federation of Teachers und die American Association of University Professors fordern in ihrem Schreiben an die SEC eine Untersuchung, ob Apollos öffentliche Aussagen „materiell falsch oder irreführend“ gewesen sein könnten.
Sie argumentieren, die neuen Dokumente legten nahe, dass frühere Mitteilungen aus dem Jahr 2021 „zumindest irreführend“ gewesen seien – und dass leitende Führungskräfte dies möglicherweise gewusst hätten.
Die SEC lehnte eine Stellungnahme ab. Auch Apollo reagierte nicht direkt auf die Anfrage nach einem Kommentar zur Forderung der Gewerkschaften.
Reputationsrisiko für die Wall Street
Die erneute Aufmerksamkeit zeigt, wie stark die jüngste Veröffentlichung der Epstein-Dokumente die Finanzwelt erschüttert. Mehrere hochrangige Führungskräfte – darunter der Chefjurist von Goldman Sachs, der Vorsitzende der Kanzlei Paul Weiss und der Executive Chairman von Hyatt Hotels – sind in den vergangenen Wochen zurückgetreten oder geraten unter Druck.
Für Apollo kommt die Affäre zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Das Unternehmen, das fast eine Billion Dollar verwaltet, kämpft bereits mit Kursverlusten. Die Aktie hat in diesem Jahr rund ein Fünftel ihres Wertes eingebüßt; zuletzt belasteten Sorgen um den privaten Kreditmarkt zusätzlich.
Vertrauensfrage für Investoren
Unternehmensberaterin Eleanor Bloxham sieht in der Forderung nach einer Untersuchung „einen starken Fall“. Wenn Investoren ihr Kapital Treuhändern anvertrauen, erwarteten sie Transparenz und Integrität. „Ein Mangel an Offenheit sollte für Kunden ein Schock sein“, sagte sie.
Ob die SEC tatsächlich Ermittlungen einleitet, ist offen. Klar ist jedoch: Der Schatten Jeffrey Epsteins liegt weiterhin über Teilen der Wall Street. Und für Apollo bedeutet das nicht nur juristischen, sondern vor allem reputativen Druck – in einem Marktumfeld, in dem Vertrauen zu den wichtigsten Vermögenswerten zählt.