Nach einer größeren Entlassungsrunde steht der Online-Pinnwanddienst Pinterest in der Kritik. Das Unternehmen hat zwei Software-Ingenieure entlassen, weil diese ein internes Tool programmiert hatten, mit dem sich nachvollziehen ließ, welche Kolleginnen und Kollegen ihren Job verloren hatten. Pinterest spricht von einem klaren Verstoß gegen Unternehmensrichtlinien und gegen den Schutz der Privatsphäre entlassener Mitarbeitender.
Auslöser ist eine kürzlich angekündigte Umstrukturierung, bei der Pinterest rund 15 Prozent seiner Belegschaft abbaut – etwa 700 Stellen. In einer internen E-Mail erklärte Vorstandschef Bill Ready, man setze künftig stärker auf einen „AI-forward approach“, also auf eine konsequent auf Künstliche Intelligenz ausgerichtete Strategie. Welche Teams oder Funktionen konkret betroffen sind, ließ das Unternehmen jedoch offen.
Genau diese Intransparenz führte offenbar zu den Vorgängen, die nun personelle Konsequenzen hatten. Nach Angaben eines Pinterest-Sprechers entwickelten zwei Ingenieure eigenständig sogenannte Skripte – also spezielle Programmiercodes –, mit denen sie vertrauliche interne Informationen auswerteten. Ziel war es, automatisch zu erkennen, welche Mitarbeiterkonten in internen Kommunikationstools deaktiviert oder entfernt wurden. Anschließend sollen die so gewonnenen Informationen weiterverbreitet worden sein.
„Das war ein klarer Verstoß gegen die Pinterest-Richtlinien und gegen die Privatsphäre ehemaliger Kollegen“, erklärte ein Unternehmenssprecher. Die beiden Ingenieure hätten ohne Genehmigung auf sensible Daten zugegriffen. Ihre Namen sind nicht öffentlich bekannt, eine Stellungnahme der Betroffenen liegt bislang nicht vor.
Entlassungen sichtbar machen – ein offenes Geheimnis der Tech-Branche
Nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld war das Skript so konzipiert, dass es etwa Veränderungen in Tools wie Slack überwachte. Wenn Nutzerkonten verschwanden oder deaktiviert wurden, löste das System eine Art Alarm aus. Damit ließ sich relativ präzise nachvollziehen, wer von den Kündigungen betroffen war – ein in vielen Tech-Unternehmen verbreiteter, informeller Mechanismus, der nun erstmals formell sanktioniert wurde.
Das Vorgehen zeigt, wie sehr Unsicherheit und Informationsmangel Entlassungswellen begleiten. Gerade in der Tech-Branche ist es üblich, dass Beschäftigte in internen Chats oder Projektgruppen bemerken, wenn Kolleginnen und Kollegen plötzlich „verschwinden“. Pinterest zieht hier nun eine klare Grenze und macht deutlich, dass automatisierte Auswertung interner Systeme nicht toleriert wird.
Teil eines größeren Trends
Der Vorfall bei Pinterest reiht sich ein in eine anhaltende Entlassungswelle in der Technologiebranche. Allein in derselben Woche, in der Pinterest den Stellenabbau bekannt gab, kündigte Amazon den Abbau von 16.000 Arbeitsplätzen an – bereits die zweite große Entlassungsrunde innerhalb weniger Monate. Auch Meta trennte sich zuletzt von mehreren hundert Mitarbeitenden.
Darüber hinaus haben auch Google und Microsoft ihre Belegschaften in den vergangenen Jahren deutlich verkleinert. Nach Schätzungen der Plattform Layoffs.fyi, die weltweite Entlassungen in der Tech-Industrie dokumentiert, verloren in den vergangenen vier Jahren rund 700.000 Menschen ihren Job.
Balance zwischen Transparenz und Datenschutz
Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie viel Transparenz schulden Unternehmen ihren Mitarbeitenden bei Umstrukturierungen – und wo beginnt der Schutz persönlicher Daten? Pinterest setzt mit den Entlassungen der Ingenieure ein klares Signal zugunsten des Datenschutzes und der internen Compliance. Kritiker könnten jedoch einwenden, dass derartige Tools erst dann attraktiv werden, wenn Unternehmen selbst kaum Informationen bereitstellen.
Fest steht: Der Umgang mit Entlassungen bleibt ein sensibles Thema – und in einer Branche, die von Daten, Automatisierung und KI lebt, geraten auch interne Kontrollmechanismen zunehmend in den Fokus. Pinterest hat nun deutlich gemacht, dass technisches Know-how nicht grenzenlos eingesetzt werden darf – auch dann nicht, wenn es aus Unsicherheit oder Kollegialität geschieht.