Eine weitreichende Studie zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) hat ein erschütterndes Ausmaß an Missbrauchsfällen zutage gefördert. Wie Medien berichten, identifizierten die Forschenden zwischen 1973 und 2024 mindestens 344 betroffene Kinder und Jugendliche sowie 161 mutmaßliche Täter aus dem Umfeld der evangelisch geprägten Pfadfinderorganisation. Die Ergebnisse markieren eines der schwersten Kapitel in der Geschichte des Verbandes und stellen die traditionelle Jugendarbeit vor tiefgreifende Herausforderungen.
Die Studie ist das Ergebnis einer systematischen Analyse von über 1.300 Seiten an Akten, ergänzt durch 79 Zeitzeugeninterviews. Sie wurde von unabhängigen Institutionen, darunter dem Bildungsinstitut Dissens und dem Münchner Institut IPP, erstellt und am 27. Januar 2026 veröffentlicht. Die Forschenden beleuchteten Fälle aus mehr als fünf Jahrzehnten – eine Zeitspanne, in der der Verband über Generationen von Kindern und Jugendlichen Verantwortung trug.
Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren besonders betroffen
Aus den Auswertungen geht hervor, dass die Mehrheit der Opfer im jugendlichen Alter von etwa 13 bis 17 Jahren war. Rund 60 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Etwa die Hälfte der Übergriffe ereignete sich auf Pfadfinderfahrten, in Zeltlagern oder bei anderen Veranstaltungen des Verbandes – also genau dort, wo Kinder und Jugendliche besondere Verantwortung und Schutz erwarten dürfen.
Erschütternd ist auch die Altersstruktur der mutmaßlichen Täter: Viele waren selbst junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren, häufig ehrenamtlich im Einsatz. Diese Nähe in Alter und Gemeinschaftsstrukturen hat Täterstrategien ermöglicht und das Vertrauen der Betroffenen missbraucht, kritisieren Experten in der Studie.
Vergewaltigung und schwerer Missbrauch in vielen Fällen
Die Forschenden gehen davon aus, dass in mehr als einem Drittel der dokumentierten Fälle von Vergewaltigung ausgegangen werden muss. Diese Einschätzung spiegelt nicht nur die Zahl der dokumentierten Übergriffe wider, sondern auch das tiefgreifende Leid und die körperlichen wie psychischen Folgen, die viele Betroffene bis heute tragen.
Der VCP selbst beschreibt die Aufarbeitung des Falls als „eines der dunkelsten Kapitel“ seiner Geschichte. Der Verband kündigte an, die Ergebnisse der Studie ernst zu nehmen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen – sowohl in der Aufarbeitung der Vergangenheit als auch in der Prävention für die Zukunft. Dazu zählen unter anderem interne Reformprozesse, verstärkte Schutzkonzepte für Kinder und Jugendliche und eine verstärkte Zusammenarbeit mit Opfer- und Beratungsstellen.
Vergleichbare Studien und breitere Debatten
Bereits zuvor hatten andere Pfadfinder- und Jugendverbände in Deutschland begonnen, ihre eigenen historischen Fälle von Gewalt aufzuarbeiten. So veröffentlichte der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) 2024 eine Studie, die mindestens 123 Betroffene identifizierte – deutlich weniger, aber ebenfalls ein wichtiges Signal für notwendige Aufarbeitung.
Diese wissenschaftlichen Untersuchungen fügen sich in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext: In den vergangenen Jahren sind vermehrt Missbrauchsskandale in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, im Sport und in kirchlichen Organisationen öffentlich geworden. Sie haben zu einer intensiven Debatte über Schutzkonzepte, Prävention, Transparenz und Verantwortungsstrukturen geführt – nicht nur in Deutschland, sondern international.
Betroffene fordern Anerkennung und Unterstützung
Experten und Opferverbände betonen, dass die Veröffentlichung der Studie ein wichtiger Schritt ist – aber bei weitem nicht genug. Viele Betroffene fordern konkrete Hilfe, Anerkennung ihres Leids und eine Entschädigung für das erlittene Unrecht. Sie kritisieren, dass institutionelle Verantwortung oft langsamer anerkannt werde als individuelle Schuld. Psychologische Hilfe, rechtliche Beratung und langfristige Unterstützungsangebote sind zentrale Forderungen der Selbsthilfegruppen.
Fazit
Die Veröffentlichung der Studie zur sexualisierten Gewalt beim Verband Christlicher Pfadfinder*innen hat eine lang verdrängte Debatte neu entfacht: Wie können Gemeinschaft, Vertrauen und Schutz so gestaltet werden, dass sie gerade die schützen, die ihnen am meisten ausgesetzt sind – Kinder und Jugendliche? Die Antworten darauf werden nicht nur die Zukunft der Pfadfinderverbände prägen, sondern auch den Umgang mit Macht, Verantwortung und Prävention in der gesamten Jugendarbeit nachhaltig beeinflussen.