Geleakte Fotos, die der BBC zugespielt wurden, geben einen erschütternden Einblick in das brutale Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte gegen regierungskritische Proteste. Die Aufnahmen zeigen die Gesichter von Hunderten Menschen, die während der gewaltsamen Niederschlagung ums Leben kamen. Viele der Bilder sind so verstörend, dass sie nur verpixelt veröffentlicht werden können. Dennoch machen sie das Ausmaß der Gewalt auf eindringliche Weise sichtbar.
Insgesamt analysierte BBC Verify 392 Fotos aus dem Kahrizak-Gerichtsmedizinischen Zentrum im Süden Teherans. Mindestens 326 Todesopfer konnten identifiziert werden, darunter 18 Frauen. Einige der Getöteten wurden aus mehreren Blickwinkeln fotografiert, um ihre Identifizierung zu erleichtern. Doch für viele Familien blieb selbst dies erfolglos: 69 der Opfer waren lediglich als „John Doe“ oder „Jane Doe“ gekennzeichnet – ein Hinweis darauf, dass ihre Identität zum Zeitpunkt der Aufnahme unbekannt war.
Die Bilder zeigen blutige, geschwollene und stark entstellte Gesichter. Für zahlreiche Angehörige stellten diese Fotos die einzige Möglichkeit dar, ihre vermissten Familienmitglieder zu erkennen. Besonders auffällig ist, dass bei mehr als 100 Opfern als Todesdatum der 9. Januar vermerkt war – eine der bislang tödlichsten Nächte der Proteste in Teheran. An diesem Tag kam es zu massiven Zusammenstößen, bei denen Demonstrierende Parolen gegen den Obersten Führer und die Islamische Republik skandierten. Auslöser war unter anderem ein Aufruf zu landesweiten Protesten durch Reza Pahlavi, den im Exil lebenden Sohn des letzten Schahs.
Die geleakten Fotos gelten nur als kleiner Ausschnitt einer weitaus größeren Tragödie. Quellen aus dem Umfeld der Gerichtsmedizin berichten, dass die tatsächliche Zahl der dort eingelieferten Toten in die Tausende gehe. Ein Informant schilderte, dass die Opfer zwischen zwölf oder dreizehn Jahren und über siebzig Jahre alt gewesen seien. Die emotionale Belastung für Angehörige sei enorm gewesen: Stundenlang hätten sie vor Bildschirmen ausgeharrt, während Fotos der Toten eingeblendet wurden – immer in der Hoffnung, Gewissheit zu erlangen.
Erschwert wird die Aufarbeitung durch einen nahezu vollständigen Internet-Blackout. Seit Beginn der Proteste Ende Dezember versucht die iranische Regierung, Informationen über das Ausmaß der Gewalt zu unterdrücken. Dennoch gelangten einzelne Berichte, Videos und Namen über alternative Internetzugänge ins Ausland. Menschenrechtsorganisationen wie die in den USA ansässige Human Rights Activists News Agency schätzen die Zahl der Todesopfer mittlerweile auf über 4.000.
Die Bilder aus Teheran sind ein bedrückendes Zeugnis staatlicher Gewalt – und ein Mahnmal für all jene, deren Schicksal bis heute im Dunkeln bleibt.