Der Absturz einer Air-India-Maschine im Juni vergangenen Jahres wirft weiterhin ernste Fragen zur Sicherheit des Flugzeugs auf. US-amerikanische Luftfahrtsicherheitsaktivisten behaupten nun, dass das verunglückte Flugzeug bereits lange vor dem Unfall eine alarmierende Vorgeschichte technischer Mängel hatte. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen den Boeing 787 Dreamliner, der am 12. Juni kurz nach dem Start in Ahmedabad auf dem Weg nach London abstürzte. Dabei kamen 260 Menschen ums Leben.
Die Foundation for Aviation Safety, eine US-Sicherheitsorganisation, hat dem US-Senat eine Präsentation übermittelt, die auf internen Dokumenten basieren soll. Demnach habe das betroffene Flugzeug mit der Registrierung VT-ANB seit seinem ersten Einsatztag bei Air India im Jahr 2014 wiederholt gravierende Systemausfälle erlitten. Dazu zählten laut der Organisation elektronische und softwarebedingte Fehler, beschädigte Kabel, Kurzschlüsse, überhitzte Stromkomponenten sowie immer wieder auslösende Schutzschalter.
Besonders brisant ist der Vorwurf, dass es im Januar 2022 zu einem Brand in einem sogenannten P100-Stromverteilungsmodul gekommen sei. Diese Module verteilen die von den Triebwerken erzeugte Hochspannung im gesamten Flugzeug. Die Schäden seien so massiv gewesen, dass das komplette Modul habe ausgetauscht werden müssen. Der Dreamliner setzt stärker als frühere Flugzeuggenerationen auf elektrische Systeme, was zwar Gewicht spart, aber auch neue Risiken birgt. Bereits 2013 hatte ein Batteriebrand bei einer japanischen Airline zur weltweiten Stilllegung der 787-Flotte geführt.
Parallel dazu sorgt ein vorläufiger Bericht der indischen Flugunfallbehörde AAIB für anhaltende Kontroversen. Darin heißt es, kurz nach dem Start seien die Treibstoffkontrollschalter der Triebwerke von „Run“ auf „Cut-off“ gestellt worden. Dies hätte einen plötzlichen Schubverlust zur Folge gehabt. Eine indirekt zitierte Cockpit-Aufnahme legt nahe, dass sich die Piloten gegenseitig fragten, wer die Schalter betätigt habe. Kritiker befürchten jedoch, dass diese Darstellung vorschnell die Schuld bei der Besatzung sucht und mögliche technische Ursachen ausblendet.
Juristen der Opferfamilien, Pilotenverbände und Sicherheitsexperten fordern daher eine umfassendere Untersuchung. Auch Ed Pierson, ehemaliger Boeing-Manager und heutiger Leiter der Foundation for Aviation Safety, bezeichnete den Zwischenbericht als „beschämend unzureichend“. Seine Organisation verweist zudem auf rund 2.000 gemeldete Störungen an anderen 787-Flugzeugen weltweit, darunter Wasserlecks in sensiblen Elektronikbereichen.
Boeing betont weiterhin, der Dreamliner verfüge über eine starke Sicherheitsbilanz und sei vor dem Absturz fast 15 Jahre ohne tödlichen Unfall im Einsatz gewesen. Das Unternehmen äußerte sich aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht weiter. Die endgültigen Ergebnisse der Untersuchung werden mit Spannung erwartet – sie könnten weitreichende Folgen für das Vertrauen in eines der modernsten Langstreckenflugzeuge der Welt haben.