Microsoft wollte mit Copilot nichts weniger als den Alltag von Milliarden Menschen neu erfinden. Der KI-Assistent wurde in rasantem Tempo in nahezu alle zentralen Produkte integriert – von Windows 11 über Office 365 bis hin zu Outlook, Teams und dem Edge-Browser. Copilot sollte E-Mails zusammenfassen, Präsentationen erstellen, Daten analysieren und als allgegenwärtiger digitaler Helfer fungieren. Doch hinter den Kulissen wächst offenbar der Frust – bis ganz nach oben.
Ausgerechnet Satya Nadella, CEO von Microsoft, soll intern deutliche Worte gefunden haben. In einer E-Mail an führende Entwickler kritisierte er laut einem Bericht des US-Magazins The Information, dass zentrale Copilot-Funktionen „größtenteils nicht wirklich funktionieren“ und „nicht smart“ seien. Besonders die Verknüpfung mit Gmail und Outlook soll demnach weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Dass der eigene Vorstandschef das Vorzeigeprodukt so offen infrage stellt, ist ein bemerkenswertes Signal.
Dabei hat Microsoft in den vergangenen zwei Jahren massiv auf Copilot gesetzt. Der KI-Assistent wurde nicht optional eingeführt, sondern tief in bestehende Systeme eingebaut. Die Idee: Nutzer sollen KI nicht aktiv suchen müssen, sondern sie automatisch im Arbeitsalltag nutzen. Die Realität fällt jedoch deutlich nüchterner aus. Viele der versprochenen Funktionen arbeiten unzuverlässig, liefern falsche Zusammenfassungen oder scheitern an der sauberen Analyse von Dokumenten und E-Mails.
Diese interne Kritik spiegelt sich auch in der Stimmung vieler Nutzer wider. In Foren und Online-Communities suchen Windows-Anwender weniger nach Tipps zur effektiven Nutzung von Copilot als vielmehr nach Möglichkeiten, ihn abzuschalten. Der Vorwurf: Der Assistent dränge sich auf, ohne einen klaren Mehrwert zu liefern. Für viele wirkt Copilot wie ein unfertiges Produkt, das mehr stört als hilft.
Auch die Nutzungszahlen sprechen eine deutliche Sprache. Während ChatGPT laut Schätzungen auf rund 800 Millionen wöchentliche Nutzer kommt, greifen nur etwa 20 Millionen Menschen regelmäßig zu Copilot. Das ist besonders bemerkenswert, weil Copilot theoretisch auf über einer Milliarde Windows-Geräten verfügbar wäre. Die Diskrepanz zeigt, dass bloße Vorinstallation keine echte Akzeptanz garantiert.
In unabhängigen Praxistests, unter anderem im Umfeld von BR24 und SWR, bleibt Copilot ebenfalls hinter der Konkurrenz zurück. Die Integration in Microsoft-Dienste funktioniert oft nur eingeschränkt, Inhalte werden falsch interpretiert oder unvollständig verarbeitet. Auch die Chat-Oberfläche gilt als weniger intuitiv und leistungsfähig. Viele KI-affine Nutzer greifen stattdessen zu Alternativen wie ChatGPT, Claude, Gemini oder Le Chat.
Besonders paradox ist das, weil Microsoft eigentlich beste Voraussetzungen hat. Der Konzern ist einer der wichtigsten Partner von OpenAI und nutzt im Kern ähnliche KI-Modelle wie ChatGPT. In Kombination mit der tiefen Verzahnung von Office, Excel, Teams und Outlook hätte Copilot theoretisch ein Alleinstellungsmerkmal. In der Praxis gelingt es Microsoft bislang jedoch nicht, dieses Potenzial überzeugend auszuspielen.
Zusätzlichen Ärger löste die Preispolitik aus. Microsoft stellte viele Abonnenten der 365-Personal- und Family-Tarife automatisch auf Versionen mit Copilot um – inklusive Preissteigerungen von bis zu 45 Prozent. Dass günstigere Varianten ohne KI weiterhin existierten, wurde kaum kommuniziert. In Australien griff sogar die Wettbewerbs- und Verbraucherkommission ein. Unter öffentlichem Druck entschuldigte sich Microsoft und erlaubte betroffenen Kunden den Wechsel zurück zu günstigeren Tarifen.
Intern soll Nadella seine Teams inzwischen immer wieder daran erinnern, dass Microsoft in der Vergangenheit mehrfach Produkte zu früh und zu unausgereift auf den Markt gebracht habe – mit entsprechenden Folgen. Copilot droht genau in diese Kategorie zu fallen: strategisch wichtig, technisch ambitioniert, aber im Alltag noch nicht überzeugend.
Die KI-Offensive von Microsoft ist damit keineswegs gescheitert, steht jedoch an einem kritischen Punkt. Der Konzern muss zeigen, dass Copilot mehr ist als ein Marketingversprechen und dass Integration allein keine gute Nutzererfahrung ersetzt. Andernfalls könnte aus dem allgegenwärtigen Assistenten genau das werden, was viele Nutzer heute schon in ihm sehen: ein KI-Feature, das man lieber ausschaltet als nutzt.