Ein Lehrstück in moderner Unternehmensdemokratie bei der Energiekonzepte Deutschland GmbH.
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich an Ihrem Arbeitsplatz. Die Kaffeemaschine brummt, Outlook ploppt, und plötzlich flattert eine interne Mail herein – versehen mit einer freundlichen kleinen Liste von Kolleg:innen, die demnächst gehen dürfen. Dumm nur: Diese Liste sollte eigentlich gar nicht bei Ihnen landen. Dümmer: Sie enthält auffällig viele Namen von Alleinerziehenden, Menschen mit Schwerbehinderung – aber kaum welche von frisch eingestellten Neulingen.
Was tun?
A) Weinen.
B) Sich dem Schicksal ergeben.
C) Einen Betriebsrat gründen.
Die Antwort: C. Natürlich C. Willkommen im Abenteuer „Demokratie light“ made by EKD.
Der Betriebsrat: Das unbekannte Wesen
Eine kleine Gruppe engagierter Mitarbeitender wagte es – haltet euch fest – das Betriebsverfassungsgesetz zu lesen. Und nicht nur das: Sie besuchten auf eigene Kosten Schulungen, planten langfristig und gründeten schließlich einen Wahlvorstand. Legal. Durchdacht. Und – aus Sicht der Geschäftsführung – offenbar eine geradezu revolutionäre Tat.
Doch wie reagiert man als moderner Arbeitgeber auf so viel demokratisches Engagement?
Mit Empörung, versteht sich!
Und mit einer außerordentlichen Mitarbeiterversammlung, bei der neben der Verkündung einer Massenentlassung noch genug Zeit bleibt, um den „sogenannten Wahlvorstand“ elegant zu demontieren.
Christian Arnold erklärt Demokratie
In dieser denkwürdigen Versammlung am 14.11.2025 übernahm Herr Christian Arnold höchstselbst die Rolle des obersten Demokratiereformators.
Hier das Zitat – nicht erfunden, nicht übertrieben, sondern wortwörtlich aus der Versammlung transkribiert:
„Die Art und Weise, wie der Wahlvorstand gebildet wurde, war aus unserer rechtlichen Einschätzung nicht legitim und auch nicht demokratisch.“
Aha!
Weil: Wenn sich Mitarbeitende auf Grundlage des Gesetzes treffen, um einen Betriebsrat zu gründen – aber dabei nicht zuerst die Geschäftsführung um Erlaubnis fragen – ist das natürlich undemokratisch.
Kleiner Reminder: Die Legitimität solcher Gremien bewertet in Deutschland übrigens nicht der Geschäftsführer, sondern das Arbeitsgericht Leipzig – das am heutigen Freitag, 5. Dezember, um 10:30 Uhr auch ganz genau das tun wird.
Wenn Demokratie stört, nennt man sie halt “nicht legitim”
Und so kam es, wie es kommen musste: Das Unternehmen beantragte eine einstweilige Verfügung. Nicht, weil man was gegen Mitbestimmung hätte (natürlich nicht!) – sondern weil es ja „um Transparenz“ gehe. Und „fairen Dialog“. Und „Augenhöhe“. Und andere schöne Dinge, die sich wunderbar in PowerPoints machen, solange sie nicht in der Realität auftauchen.
Gleichzeitig – und das ist wirklich ein dramaturgisches Meisterwerk – wurden die Kündigungen verkündet. Ein Schelm, wer denkt, da könnten Mitarbeitende auf die absurde Idee kommen, sie sollten sich vielleicht lieber nicht organisieren.
Demokratie gibt’s bei uns nur mit Stempel
Was lernen wir daraus?
Die Gründung eines Betriebsrats ist wie ein schlechter Tinder-Match: Man will eigentlich nur reden – und bekommt direkt eine Klage.
Und dennoch – heute steht eine der Initiatorinnen vor Gericht. Gekündigt. Mutter eines Kindes mit Sonderbetreuungsbedarf. Nicht für sich kämpfend, sondern für mehr als 40 Kolleg:innen, die sich seither bei ihr gemeldet haben. Heimlich. Mit Angst. Und Hoffnung. Und dem Wunsch nach einem Mindestmaß an Mitsprache in einem Unternehmen, das ohne sie keine Kilowattstunde verkaufen könnte.
Fazit: Betriebsrat? Ja – aber bitte nur ohne Mitarbeitende
Während das Unternehmen also versucht, betriebliche Mitbestimmung unter „Hausrecht“ zu stellen, bleibt die Frage offen: Was stört eigentlich mehr – der Betriebsrat oder die Idee, dass Mitarbeitende eigene Gedanken haben könnten?
Vielleicht hilft’s ja, wenn man’s auf Verpackungen schreibt:
“Warnhinweis: Dieser Betriebsrat könnte Spuren von Mitbestimmung enthalten.”
Und an alle, die gerade mitklatschen: Die Show ist noch nicht vorbei. Heute um 10:30 Uhr entscheidet das Arbeitsgericht Leipzig, ob Betriebsverfassungsgesetz tatsächlich mehr wiegt als internes Bauchgefühl.
Bleiben Sie dran. Und: Bleiben Sie mutig.