Die deutsche Brauwirtschaft erlebt eine historische Zäsur. Was über Generationen als fester Bestandteil der Kultur galt, steht zunehmend auf der Kippe: Der Bierabsatz sinkt seit Monaten, Traditionsunternehmen kämpfen ums wirtschaftliche Überleben, und immer häufiger endet dieser Kampf in der Insolvenz. Binnen drei Jahren ist eine regelrechte Sterbeliste entstanden – quer durch die Republik, vom Bayerischen Wald bis an die Küste.
Wie Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, im Gespräch schildert, befindet sich die Branche in einer ihrer schwersten Krisen. Seit 15 Monaten geht der Absatz kontinuierlich zurück. Die Gründe reichen von veränderten Ernährungs- und Konsumgewohnheiten über hohe Energiepreise bis hin zu den Spätfolgen der Pandemie. Die schlechte Konsumstimmung verschärft die Lage zusätzlich.
Kaum ein Beispiel verdeutlicht das Ausmaß der Entwicklung so drastisch wie die Ankündigung der Oettinger-Gruppe aus Braunschweig: Eines der größten Brauhäuser Deutschlands, mit einer Jahresproduktion von 6,6 Millionen Hektolitern, beendet Ende 2025 den Betrieb. Kurz zuvor hatte bereits die Mannheimer Privatbrauerei Eichbaum Insolvenz angemeldet. Und die Liste lässt sich fortsetzen: Von der Rosenbrauerei Pößneck über die Memminger Brauerei bis zur Genossenschaftsbrauerei Rötz mussten zahlreiche Häuser aufgeben. Einige verschwanden still vom Markt, andere suchten in letzter Minute Rettung durch Markenübernahmen oder stille Liquidationen.
Die Ursachen sind vielfältig. Besonders schwer wiegen die Energiekosten, die für Brauereien mit ihren energieintensiven Prozessen seit der Preisexplosion kaum noch kalkulierbar sind. Dazu kommen steigende Personalkosten infolge höherer Tarifabschlüsse. Viele Betriebe, die Kriege, Währungsreformen und Wirtschaftskrisen überstanden haben, geraten nun in eine Lage, die sie trotz langer Tradition nicht mehr bewältigen können.
Ein weiterer Faktor ist der strukturelle Wandel im Konsumverhalten. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung registriert seit Jahren einen Rückgang beim regelmäßigen Alkoholkonsum – insbesondere unter jüngeren Menschen. Während Mitte der 1970er Jahre noch 85 Prozent der Männer und 54 Prozent der Frauen mindestens einmal wöchentlich Alkohol tranken, sanken die Werte bis 2021 auf 40 beziehungsweise 23 Prozent. Gleichzeitig wächst der Trend zu Sport, bewusster Ernährung und alkoholfreien Alternativen.
Die aktuellen Branchenzahlen zeichnen ein düsteres Bild. Im Oktober sank der Bierabsatz um 9,5 Prozent, was einem Minus von 600.000 Hektolitern entspricht. Insgesamt liegt das Jahr 2025 bislang 6,3 Prozent unter dem Vorjahr. Für viele Betriebe bedeutet dieser Rückgang einen Punkt, an dem wirtschaftliche Reserven endgültig aufgebraucht sind.
Eichele warnt eindringlich: Ohne strukturelle Entlastungen und eine Stabilisierung der Konsumlaune drohen noch mehr Schließungen. Dass Brauereien, die seit Jahrhunderten bestehen, nun kapitulieren müssen, sei ein bitteres Signal – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Denn der Niedergang der Braukunst trifft Regionen, in denen lokale Biere identitätsstiftend sind und ganze Gemeinden jahrzehntelang geprägt haben.
Ob sich der Trend umkehren lässt, ist offen. Fest steht jedoch: Deutschlands Brauwirtschaft steht vor einem tiefgreifenden Wandel – und niemand kann derzeit sagen, wie viele Traditionshäuser diese Transformation überstehen werden.