Wer am Essener Dom an diesem Novemberabend vorbeikommt, nimmt das gedämpfte Kerzenlicht vielleicht kaum wahr. Doch im Inneren der Kirche erinnert ein stiller Gottesdienst an jene Menschen, die nach ihrem Tod niemanden hatten, der sich um sie kümmerte. Für sie entzünden Seelsorger Kerzen, sprechen ihre Namen aus und geben ihnen damit etwas zurück, das ihnen im Leben häufig fehlte: Sichtbarkeit.
In Essen wurden im vergangenen Jahr mehr als 500 Menschen ordnungsbehördlich bestattet – Menschen ohne erreichbare Angehörige oder ohne jemanden, der die Verantwortung übernehmen konnte. Die Zahl ist in der Ruhrmetropole seit Jahren steigend, ähnlich wie in vielen anderen Großstädten Nordrhein-Westfalens. Zugleich wächst der Anteil an anonymen Beisetzungen, oft auf schlichten Urnenfeldern.
Damit diese Toten nicht völlig ungesehen bleiben, haben die christlichen Kirchen in Essen die monatlichen „Gedenkgottesdienste für die Unbedachten“ ins Leben gerufen. An diesem Abend stehen 16 Kerzen auf dem Altar, jede für einen Menschen, der in den vergangenen Wochen ohne Angehörige beigesetzt wurde. Die Namen werden vorgelesen, ein kleines Blatt mit Alter und Lebensdaten wird im Dom hinterlegt. Für viele Besucher ist diese kurze Zeremonie Trost und Würdigung zugleich.
Die Organisatoren berichten, wie wichtig diese Form des Abschieds ist – nicht nur für Trauernde, die über die Todesanzeige der Stadt erfahren, dass ein alter Nachbar oder Schulfreund verstorben ist. Einige kommen regelmäßig aus Mitgefühl oder als Ausdruck christlicher Nächstenliebe. Andere suchen die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Eine gesellschaftliche Entwicklung spielt dabei eine große Rolle: Das familiäre Netz, das früher selbstverständlich war, trägt heute nicht mehr überall. Zerrissene Familienverhältnisse, Einsamkeit im Alter und fehlende nachbarschaftliche Bindungen führen immer häufiger dazu, dass Menschen am Ende allein bleiben.
Nach dem Bestattungsgesetz sind eigentlich die nächsten Angehörigen verpflichtet, sich um eine Beisetzung zu kümmern. Doch wenn niemand auffindbar ist oder wenn Beziehungen zerbrochen sind, springt das Ordnungsamt ein. Aus Sicht vieler Seelsorger bleibt dann ein schmerzhafter Gedanke: Ein Mensch wird bestattet, ohne dass jemand an seiner Seite steht.
Die Gottesdienste im Essener Dom versuchen, genau diese Lücke zu schließen. Sie holen die Verstorbenen aus der Anonymität und schaffen einen Ort des Gedenkens – für jene, die gegangen sind, und für alle, die sich daran erinnern möchten, dass niemand namenlos sterben sollte.