Die Stadt Erfurt will künftig deutlich schneller bauen – und dafür in bestimmten Fällen sogar ganz ohne klassischen Bebauungsplan auskommen. Eigentlich sollte der Ausschuss für Stadtentwicklung das Vorhaben bereits auf den Weg bringen, verschob die Entscheidung nun aber auf Anfang nächsten Jahres. Vor allem die Grünen mahnen, dass ein beschleunigtes Verfahren klare soziale Leitplanken brauche.
Grünen-Fraktionschefin Laura Wahl warnte davor, den „Bauturbo“ als Freibrief für Projektentwickler zu verstehen. Beschleunigtes Bauen müsse immer an Bedingungen wie bezahlbare Mieten oder soziale Auflagen gekoppelt sein. Die Stadtverwaltung will dennoch so schnell wie möglich loslegen – der Stadtrat muss die Pläne allerdings noch bestätigen.
Erfurt fehlen tausende Wohnungen – Mangel besonders bei kleinen Einheiten
Die Lage auf dem Erfurter Wohnungsmarkt ist angespannt. Nach aktuellen Berechnungen fehlen mindestens 4.000 Wohnungen, langfristig sogar bis zu 7.000. Besonders groß ist der Engpass bei kleinen, bezahlbaren Wohnungen, die angesichts der wachsenden Zahl älterer Menschen dringend benötigt werden.
Stadtentwicklungsdezernent Lars Bredemeier erklärt:
„Es werden immer mehr kleinere Wohnungen gebraucht. Hier besteht ein deutlicher Nachholbedarf.“
Aktuell leben in Erfurt rund 117.000 Haushalte, etwa 14.000 mehr als noch vor 15 Jahren. Jede zweite Wohnung ist ein Einpersonenhaushalt. Um flexibel reagieren zu können, bräuchte die Stadt einen Leerstand von etwa vier Prozent – doch Erfurt liegt nur bei zwei Prozent. Die Folgen: steigende Mieten und hohe Immobilienpreise.
Genehmigt, wenn die Verwaltung schweigt – drei Monate als Frist
Um Bauvorhaben schneller voranzubringen, will die Stadt das Verfahren radikal vereinfachen. Künftig soll gelten:
Wenn innerhalb von drei Monaten keine Ablehnung beim Bauherrn eingeht, gilt das Projekt automatisch als genehmigt.
Damit sollen lange Wartezeiten entfallen, die häufig durch überarbeitungsbedürftige Bebauungspläne entstehen.
1.500 Wohnungen könnten sofort in die Umsetzung gehen
Eine erste Analyse zeigt: Rund 1.500 Wohneinheiten könnten zeitnah gebaut werden, weil die planerischen Vorarbeiten bereits weit fortgeschritten sind. Viele Projekte lägen sprichwörtlich „in der Pipeline“, so Bredemeier, und kämen seit Jahren wegen komplexer Planungsabstimmungen nicht voran.
„Bauturbo“ lockt Investoren – erstes Projekt in der Innenstadt
Der Ankündigungseffekt zeigt bereits Wirkung. Seit die Bundesregierung den „Bauturbo“ beschlossen hat, melden sich wieder vermehrt Investoren bei der Stadt. Bredemeier berichtet sogar von einem Investor, der nach der Berichterstattung über das Vorhaben anrief:
„Er sagte mir: Sie haben mir Mut gemacht – ich will jetzt meinen Parkplatz in der Innenstadt bebauen.“
Auch andere innerstädtische Flächen kommen laut Verwaltung potenziell für eine Bebauung infrage. Die Stadt hofft, dass der Bauturbo nicht nur die Zahl der Wohnungen erhöht, sondern auch Wegzüge ins Umland bremst.