Seit über einem Vierteljahrhundert gilt Hilal Ercan aus Hamburg-Lurup als vermisst. Am 27. Januar 1999 verschwand die damals zehnjährige Schülerin spurlos auf dem Heimweg von einem Elektronikgeschäft – seither fehlt von ihr jede Spur. Trotz unzähliger Hinweise, Suchaktionen und intensiver Ermittlungen blieb der Fall ungelöst. Doch nun erhält die Suche nach Hilal neuen Auftrieb: Eine bundesweite Öffentlichkeitsaktion bringt ihr Gesicht auf Millionen Getränkeflaschen eines Bonner Herstellers – in der Hoffnung, dass sich endlich jemand erinnert.
Eine Vermisstenanzeige auf Flaschen
Vier Wochen lang wird die Vermisstenanzeige von Hilal Ercan auf den Etiketten von Mineralwasserflaschen erscheinen. Neben ihrem Foto steht der Schriftzug:
„Seit dem 27. Januar 1999 vermisst – Wer hat Hilal gesehen?“
Dazu ist die Telefonnummer der Polizei Hamburg angegeben.
Die Aktion ist Teil der Initiative „Deutschland findet euch“, die gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt (BKA) und regionalen Polizeidienststellen arbeitet, um alte Vermisstenfälle wieder in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Idee: Menschen dort erreichen, wo sie täglich hinschauen – beim Einkauf, beim Sport, beim Essen.
„Es ist eine ungewöhnliche, aber sehr wirkungsvolle Form, Aufmerksamkeit zu erzeugen“, erklärt ein Sprecher des BKA. „Jede Flasche, die verkauft wird, trägt Hilals Geschichte weiter. Und vielleicht sieht sie jemand, der etwas weiß, was er oder sie vor 26 Jahren nicht für wichtig hielt.“
Der Fall, der Hamburg bewegt
Hilal war ein fröhliches, aufgewecktes Mädchen, als sie an einem Wintertag 1999 nach der Schule in einem Elektronikgeschäft im Hamburger Stadtteil Lurup eine CD kaufen wollte. Danach verliert sich ihre Spur. Trotz intensiver Fahndungen, Medienaufrufe und der Beteiligung von Spezialisten blieb der entscheidende Hinweis bis heute aus.
Der Fall ging deutschlandweit durch die Medien, Hunderte Zeugen meldeten sich in den Wochen und Monaten nach dem Verschwinden. Doch keine Spur führte zu Hilal. Ermittler verfolgten verschiedene Theorien – von Entführung bis hin zu einem möglichen Verbrechen im persönlichen Umfeld –, doch konkrete Beweise gab es nie.
Für die Familie Ercan ist die Ungewissheit zur lebenslangen Belastung geworden. Ihr Bruder Yunus Ercan hat nie aufgehört, nach seiner Schwester zu suchen. Er gründete eigene Initiativen, sprach in Talkshows, suchte den Kontakt zu Ermittlern – und kämpft bis heute gegen das Vergessen.
„Für uns vergeht kein Tag ohne Hilal“, sagt Yunus. „Die Flaschenaktion ist ein Zeichen, dass Hilal noch immer in den Köpfen und Herzen der Menschen ist. Vielleicht ist irgendwo da draußen jemand, der sich jetzt meldet.“
Wenn Hoffnung zur Kraft wird
Der Bonner Getränkekonzern, der die Aktion unterstützt, druckt seit Anfang November Hunderttausende Etiketten mit Hilals Bild. Diese werden bundesweit in Supermärkten, Kiosken und Restaurants vertrieben. Die Resonanz sei bereits groß, berichtet das Unternehmen. Viele Menschen teilten die Aktion in sozialen Netzwerken, posteten Fotos der Flaschen mit Hashtags wie #HilalErcan und #DeutschlandFindetEuch.
Der Gedanke dahinter ist so simpel wie kraftvoll: Die Suche nach Vermissten darf nicht enden, solange keine Gewissheit herrscht. Durch Aktionen wie diese erhalten Fälle wie der von Hilal Ercan eine neue Öffentlichkeit – und vielleicht auch eine neue Chance.
Ermittler hoffen auf Hinweise
Auch die Hamburger Polizei unterstützt die Aktion aktiv. In Zusammenarbeit mit dem Bonner Hersteller und der Initiative „Deutschland findet euch“ wurde das Bildmaterial aufbereitet und mit aktuellen Kontaktdaten versehen. Die Ermittler hoffen auf neue Hinweise von Zeitzeugen, die sich vielleicht an verdächtige Beobachtungen rund um den Elektronikmarkt an der Elbgaustraße im Jahr 1999 erinnern.
Nach Angaben der Polizei gehen auch Jahrzehnte nach dem Verschwinden immer wieder Hinweise ein – zuletzt nach Ausstrahlungen in Fernsehsendungen wie „Aktenzeichen XY“.
„Manchmal genügt ein kleiner Erinnerungssplitter, um ein Puzzleteil neu zu ordnen“, sagte ein Ermittler dem NDR.
Symbol für ungebrochene Hoffnung
Hilal Ercans Verschwinden steht heute stellvertretend für viele ungeklärte Kinderschicksale in Deutschland. Ihre Familie kämpft seit 26 Jahren um Antworten – und um öffentliche Aufmerksamkeit. Dass ihr Gesicht nun Millionen Menschen beim Griff zur Wasserflasche begegnet, ist für viele ein Symbol: Die Suche nach Hilal geht weiter, und niemand hat sie vergessen.
„Solange wir leben, suchen wir“, sagt ihr Bruder Yunus. „Diese Flaschen sind nicht nur Etiketten – sie sind Botschaften der Hoffnung.“