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Lissabon-Tragödie: Nicht zugelassenes Zugseil soll Seilbahnunglück verursacht haben

MIH83 (CC0), Pixabay

Nach dem verheerenden Unglück der traditionsreichen Standseilbahn in Lissabon Anfang September ist klar: Es war kein unglücklicher Zufall, sondern eine Kette aus Fehlentscheidungen, Nachlässigkeit und unzureichender Kontrolle. Der jetzt veröffentlichte Zwischenbericht der portugiesischen Unfalluntersuchungsbehörde GPIAAF offenbart schwere Sicherheitsmängel – mit fatalen Folgen.

Ein falsches Seil mit tödlichen Konsequenzen

Das Zugseil, das die ikonische Bahn über die steile Strecke im Stadtteil Bairro Alto zog, war weder technisch für den Personentransport zugelassen noch sicherheitstechnisch geprüft. Stattdessen stammte es offenbar aus der Industrie und war für Zugmaschinen und Baustellenkräne konzipiert. Eine solche Komponente darf laut EU-Richtlinien nicht in Seilbahnen eingesetzt werden, die Menschen befördern.

„Es handelt sich um einen gravierenden Verstoß gegen die grundlegenden Sicherheitsvorschriften“, heißt es im Bericht. Experten gehen davon aus, dass das Material nicht den Belastungszyklen einer täglich genutzten Seilbahn standhalten konnte. Über Monate hinweg habe sich der Draht allmählich abgenutzt, bis es am 3. September zum Riss kam – mitten im Betrieb, während der Wagen mit dutzenden Passagieren talwärts fuhr.

Das Unglück von Bairro Alto

Augenzeugen berichten von einem lauten Knall, gefolgt von Schreien. „Plötzlich war das typische Rattern der Bahn weg – stattdessen nur das Zischen und dann Stille, bevor sie losraste“, erinnert sich ein Anwohner. Der Wagen beschleunigte ungebremst die enge Straße hinunter, entgleiste, prallte gegen mehrere parkende Autos und schließlich mit voller Wucht gegen die Fassade eines Wohnhauses.

16 Menschen verloren ihr Leben, 21 wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Darunter befanden sich auch Touristen aus Deutschland, Frankreich und den USA. Die Feuerwehr sprach von einem „Bild der Verwüstung“. Die alte Holzverkleidung des Wagens wurde zerfetzt, Trümmerteile verteilten sich über Dutzende Meter.

Behördliches Versagen auf mehreren Ebenen

Nach bisherigen Erkenntnissen wurde das mangelhafte Zugseil von einem Subunternehmer eingebaut, der laut Vertrag eigentlich nur für Wartungsarbeiten zuständig war. Eine technische Abnahme nach dem Austausch soll nie erfolgt sein. Auch die Stadtverwaltung von Lissabon gerät zunehmend in die Kritik, da die Bahn schon mehrfach wegen „ungewöhnlicher Geräusche und Vibrationen“ gemeldet worden war – doch die Warnungen blieben offenbar ohne Konsequenzen.

Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat inzwischen Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, Amtsversagen und Urkundenfälschung eingeleitet. Der Verdacht: Die Betreiberfirma könnte Wartungsprotokolle manipuliert haben, um eine kostenintensive Sicherheitsprüfung zu vermeiden.

„Wenn sich das bestätigt, reden wir nicht nur über ein technisches Problem, sondern über systematischen Betrug zulasten der öffentlichen Sicherheit“, erklärte der Jurist Miguel Andrade von der Universität Coimbra.

Ein Symbol des Versagens

Die Lissabonner Standseilbahnen, darunter die berühmte „Elevador da Glória“ und die „Bica-Bahn“, gelten eigentlich als technisches Kulturerbe. Sie sind Touristenmagneten – und zugleich ein Symbol der Stadtgeschichte. Das aktuelle Unglück trifft Lissabon deshalb ins Herz.

In der Bevölkerung ist die Empörung groß. Viele fordern eine sofortige Überprüfung aller städtischen Seilbahnanlagen. Die oppositionelle Sozialdemokratische Partei verlangt eine parlamentarische Untersuchung, um zu klären, wie es zu so groben Sicherheitsverstößen kommen konnte.

Europäische Sicherheitsstandards auf dem Prüfstand

Auch auf EU-Ebene zieht das Unglück Kreise. Die Europäische Seilbahnverordnung (EU 2016/424) schreibt eigentlich strenge Prüfverfahren für sicherheitsrelevante Komponenten vor. Sollte sich herausstellen, dass das falsche Seil über inoffizielle Kanäle oder fehlerhafte Zertifikate in den Einsatz gelangte, drohen weitreichende Konsequenzen – bis hin zu einem EU-weiten Rückruf ähnlicher Bauteile.

Mehrere europäische Städte mit historischen Seilbahnen, darunter Lissabon, Porto, Prag und Zürich, haben inzwischen angekündigt, ihre Anlagen auf ähnliche Risiken zu prüfen.

Wut, Trauer und die Suche nach Verantwortung

Während die Ermittlungen weiterlaufen, trauert Portugal um die Opfer. In der Kathedrale von Lissabon fand eine öffentliche Gedenkmesse statt, an der auch Ministerpräsident António Costa teilnahm. Er sprach von einem „tragischen Wendepunkt“ und versprach umfassende Aufklärung.

„Wir schulden den Familien der Opfer nicht nur Wahrheit, sondern Gerechtigkeit“, sagte Costa. Die Regierung erwägt inzwischen eine umfassende Reform des Sicherheitsrechts für historische Verkehrsanlagen.

Ob die Standseilbahn von Bairro Alto je wieder fahren wird, ist unklar. Viele Bürger fordern, die Unfallstrecke als Mahnmal zu erhalten – als bleibende Erinnerung an ein Unglück, das vermeidbar gewesen wäre, wenn Sicherheitsvorschriften beachtet worden wären.

Das endgültige Gutachten der GPIAAF soll in den kommenden Wochen veröffentlicht werden. Doch schon jetzt steht fest: Dieses Unglück wird Portugals Umgang mit technischer Verantwortung und öffentlicher Sicherheit nachhaltig verändern.

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