In Schleswig-Holstein steigt die Zahl der Kinder, die nach dem ersten Schuljahr nicht in die zweite Klasse wechseln. Nach aktuellen Zahlen des Bildungsministeriums in Kiel mussten im Schuljahr 2023/24 fast acht Prozent der Erstklässler die 1. Klasse wiederholen. Vor neun Jahren lag der Anteil noch bei rund 5,5 Prozent. Damit ist ein deutlicher Anstieg erkennbar, der in Fachkreisen für Diskussionen sorgt.
Kein Sitzenbleiben – sondern „Verbleiben“
Das klassische Sitzenbleiben wurde in der Grundschule vor einigen Jahren offiziell abgeschafft. Stattdessen spricht man heute von „Verbleibern“. Gemeint sind Kinder, die ein weiteres Jahr in der 1. Klasse bleiben, um Lerninhalte wie Buchstaben, Zahlen und Basiswissen erneut zu üben. Das Ziel ist, die Grundlagen zu festigen und Überforderungen zu vermeiden.
Gründe für die steigende Zahl
Fachverbände und Lehrerverbände sehen mehrere Ursachen:
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Sprachliche Defizite: Viele Kinder starten mit unzureichenden Deutschkenntnissen in die Schule, was das Lesen- und Schreibenlernen erheblich erschwert.
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Psychische Auffälligkeiten: Zunehmend treten Auffälligkeiten wie Konzentrationsprobleme, Ängste oder soziale Unsicherheiten auf, die den schulischen Einstieg belasten.
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Pandemie-Folgen: Die Corona-Zeit hat durch eingeschränkte Kita-Angebote, weniger Kontakte und fehlende Sprachförderung Entwicklungsrückstände hinterlassen, die bis heute nachwirken.
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Soziale Unterschiede: Kinder aus bildungsfernen Haushalten haben oft schlechtere Startchancen, da frühe Förderung oder Unterstützung im Elternhaus fehlen.
Auswirkungen auf Kinder und Eltern
Das „Verbleiben“ kann für Kinder einerseits eine Chance sein, den Lernstoff ohne Druck zu festigen. Andererseits bedeutet es, dass sie ihre bisherigen Mitschüler zurücklassen müssen. Das kann am Selbstbewusstsein kratzen und Gefühle von Ausgrenzung hervorrufen.
Eltern stehen vor der Herausforderung, ihren Kindern diese Entscheidung positiv zu vermitteln und sie zu ermutigen. Lehrerinnen und Lehrer berichten jedoch, dass viele Kinder nach dem zweiten Anlauf deutlich stabiler lernen.
Kritik von Experten
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) betont, dass die steigenden Zahlen ein Warnsignal sind. Schulen müssten besser ausgestattet werden, um auf die unterschiedlichen Lernstände eingehen zu können. Besonders kleinere Klassen und eine stärkere individuelle Förderung seien notwendig.
Das Deutsche Kinderhilfswerk sieht die Verantwortung zudem bei der frühkindlichen Bildung: Sprachförderung und gezielte Unterstützung müssten schon im Kindergarten beginnen, um Defizite gar nicht erst entstehen zu lassen.
Blick nach vorn
Die Zahlen werfen die Frage auf, wie es um die Chancengleichheit im Bildungssystem steht. Wenn fast jedes zehnte Kind die erste Klasse wiederholen muss, könnte dies auch langfristig die Bildungskarrieren beeinflussen. Politik, Schulen und Kitas stehen daher unter Druck, frühzeitig gegenzusteuern – damit der Start ins Schulleben nicht schon die erste große Hürde darstellt.