Auf der Meyer Werft in Wismar entsteht derzeit eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt – ein Prestigeprojekt für den Disney-Konzern. Hinter den glänzenden Kulissen des Luxusliners offenbart sich jedoch ein System, das offenbar auf fragwürdigen Arbeitsbedingungen beruht. Der Fall von Anamaria Ciocia aus Rumänien zeigt, wie Subunternehmen geltendes Arbeitsrecht aushebeln können – und welche persönlichen Folgen das für Beschäftigte hat.
Arbeitsunfall – und niemand fühlt sich zuständig
Anfang Juli in der rumänischen Hafenstadt Constanţa: Anamaria Ciocia, 44 Jahre alt, kommt mit Krücken zum Interview im Park Gării. Ihr rechtes Bein steckt in einer Kunststoffschiene, die mit „Sana Hanse-Klinikum Wismar“ beschriftet ist. Vier Tage bleiben ihr, um die 900 Euro für diese Schiene zu bezahlen – aus eigener Tasche.
Die Verletzung zog sie sich am 24. Mai auf der Werft in Wismar zu, als sie beim Arbeiten den Knöchel brach. Seitdem wartet sie vergeblich darauf, dass ihr Arbeitsunfall offiziell anerkannt wird. Auch mehrere Hundert Euro Lohn stehen noch aus. „Ich hätte so etwas nicht erwartet. Wir wurden wie Sklaven behandelt. Genau wie Sklaven. Und nicht nur wir – die meisten auf dieser Baustelle wurden so behandelt“, sagt Ciocia über ihre kurze, aber bittere Erfahrung in Deutschland.
Von Facebook-Anzeige zur Großbaustelle
Im Frühjahr hatten sie und ihr Mann eine Facebook-Anzeige einer rumänischen Vermittlungsagentur entdeckt. Gesucht wurden Arbeitskräfte für Werftjobs in ganz Europa. Über diese Anzeige kamen sie in Kontakt mit der litauischen Firma Maviga Pro.
Statt eines Jobs in Litauen bot das Unternehmen den beiden jedoch Arbeit in Deutschland an – konkret auf der Meyer Werft in Wismar. „Wir wussten nicht, dass es um Deutschland geht. Es war uns egal, wohin wir geschickt werden – Hauptsache, es gibt Arbeit“, erinnert sich Ciocia.
Sie unterschrieb schließlich einen 18-seitigen Arbeitsvertrag – ausschließlich auf Litauisch und Englisch. Geplant waren drei Monate Arbeit als Interior Fitter, zuständig für die Innenausstattung des neuen Disney-Kreuzfahrtschiffes.
Versprechen und Realität
Ein Video, das ihr vorab zugesendet wurde, zeigte eine einfache, aber moderne Zwei-Raum-Wohnung mit Balkon als Unterkunft für die Zeit in Deutschland. Die Realität, so berichten mehrere Arbeiter, habe jedoch wenig mit den Versprechungen gemein gehabt – von überfüllten Wohnverhältnissen bis hin zu fehlender Betreuung bei Arbeitsunfällen.
Der Fall Ciocia wirft ein Schlaglicht auf ein System, in dem internationale Subunternehmen über lange Werkvertragsketten Personal anwerben, entsenden und einsetzen – oft ohne ausreichende Absicherung für die Beschäftigten. Arbeitsrechtliche Verantwortung wird so zwischen verschiedenen Firmen und Ländern hin- und hergeschoben.