Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Streeck, warnt eindringlich vor einer zunehmenden digitalen Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – befeuert durch den wachsenden Einfluss Künstlicher Intelligenz (KI) in sozialen Netzwerken, bei Streaming-Angeboten und in Online-Spielen. In einem Interview mit der Welt betonte er, dass Plattformen wie TikTok, Instagram, YouTube und andere zunehmend KI-gestützte Mechanismen einsetzen, um die Nutzerbindung zu maximieren. Dabei werde gezielt auf emotionale Trigger, algorithmisch ausgewählte Inhalte und personalisierte Reize gesetzt, die gerade bei jungen Menschen besonders wirksam seien und süchtig machen könnten.
„Kinder und Jugendliche befinden sich in einer besonders sensiblen Lebensphase. Wenn KI-basierte Inhalte sie ununterbrochen mit neuen Reizen überfluten, verlieren viele die Kontrolle über ihre Nutzungszeiten“, sagte Streeck. Die Systeme würden so programmiert, dass sie Gewohnheiten verstärken und gezielt psychologische Muster ausnutzen – etwa durch endloses Scrollen, automatische Video-Vorschläge oder Belohnungseffekte bei Gaming-Apps. Die Plattformbetreiber, so Streeck, nähmen ihre Verantwortung für den Jugendschutz dabei nicht ausreichend wahr.
Infolge dieser Entwicklung will die Bundesregierung nun die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Alterskontrolle im Internet deutlich verschärfen. Künftig sollen die Einhaltung von Altersfreigaben, effektive Identitätsprüfungen und Schutzmechanismen deutlich strenger überprüft werden. Auch sollen Betreiber sozialer Plattformen, die gegen diese Vorschriften verstoßen, härter sanktioniert werden als bisher. Streeck kündigte an, dass Plattformen, die keine wirksamen Schutzmaßnahmen für Minderjährige implementieren, mit empfindlichen Strafen rechnen müssen. Details zu den geplanten Straf- und Kontrollmechanismen nannte er allerdings noch nicht.
Die Notwendigkeit eines stärkeren Eingreifens wird auch durch aktuelle Zahlen untermauert. Laut einer Auswertung der DAK-Gesundheit zeigen bereits rund 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland ein sogenanntes „riskantes Mediennutzungsverhalten“. Das bedeutet: Die Betroffenen verbringen übermäßig viel Zeit mit sozialen Netzwerken, Streaming-Diensten oder digitalen Spielen – oft verbunden mit Schlafmangel, sozialem Rückzug, Konzentrationsproblemen und Leistungsabfall in Schule oder Ausbildung.
Streeck macht deutlich, dass es sich hierbei nicht nur um eine Frage der Medienkompetenz, sondern um ein ernstzunehmendes gesundheitliches Problem handelt. „Wir müssen endlich begreifen, dass digitale Sucht eine reale Gefahr ist – vergleichbar mit anderen Abhängigkeiten. Und wir dürfen die Verantwortung dafür nicht allein bei den Eltern oder Lehrkräften abladen.“
Neben regulatorischen Maßnahmen spricht sich Streeck deshalb auch für eine umfassende Aufklärungskampagne aus: Schulen, Kitas, Jugendzentren und Familien sollen gezielt über Risiken digitaler Mediennutzung informiert und bei der Prävention unterstützt werden. Auch fordert er mehr wissenschaftliche Forschung zur Rolle von KI in der Entwicklung von Verhaltenssüchten sowie gezielte Förderprogramme für psychische Gesundheit im digitalen Zeitalter.
„Wir stehen an einem Wendepunkt“, so Streeck. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die nächste Generation mit den Spätfolgen einer unregulierten, KI-optimierten Medienwelt leben müssen.“