Am heutigen Montag haben an der niedersächsischen Nordseeküste erneut die jährlichen Zählflüge zur Erfassung der Seehundbestände begonnen. Bis Mitte August werden in insgesamt zehn Einsätzen mit Kleinflugzeugen Seehunde aus der Luft gesichtet und gezählt. Die Aktion ist Teil des trilateralen Seehundschutzabkommens zwischen Deutschland, Dänemark und den Niederlanden und wird in Niedersachsen vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) koordiniert.
Ziel der Zählung ist es, verlässliche Daten über die aktuelle Populationsgröße der Seehunde zu erheben. Die Tiere sind ein zentraler Bestandteil des Ökosystems Wattenmeer und gelten als sogenannte „Leitarten“: Ihr Zustand liefert wichtige Hinweise auf die ökologische Gesundheit der Nordsee – insbesondere auf die Qualität des Wassers, den Zustand der Fischbestände und mögliche Belastungen durch Schadstoffe oder Krankheiten.
Zehn Flüge bis Mitte August – mit Blick auf Geburten, Sterblichkeit und Ausbreitung
Im Mittelpunkt der Zählaktion steht das Nationalparkgebiet Niedersächsisches Wattenmeer, ein UNESCO-Weltnaturerbe. Zwei speziell ausgerüstete Kleinflugzeuge überfliegen im Tiefflug bei Niedrigwasser gezielt die Sandbänke und Wattflächen, auf denen sich die Seehunde zur sogenannten „Rast“ versammeln. Besonders im Sommer, während der Wurf- und Aufzuchtzeit, lassen sich die Tiere gut beobachten. Dabei unterscheiden die Expertinnen und Experten gezielt zwischen adulten Tieren und Jungtieren.
Die regelmäßigen Erhebungen über mehrere Jahre hinweg ermöglichen es, Entwicklungen im Bestand nachzuvollziehen – etwa, ob es vermehrt zu Totgeburten kommt, ob Jungtiere die kritischen ersten Lebenswochen überstehen oder ob Krankheiten in der Population kursieren. Gerade Epidemien wie die Seehundstaupe oder Belastungen durch Mikroplastik und Umweltgifte können starke Auswirkungen auf die Bestände haben.
Internationale Zusammenarbeit gegen Doppelzählungen – Schutz ohne Grenzen
Ein besonderes Merkmal der Seehundzählung ist die länderübergreifende Zusammenarbeit. Zeitgleich zu den Flügen in Niedersachsen erfolgen Erhebungen in Schleswig-Holstein, Dänemark und den Niederlanden. Da Seehunde sehr mobil sind und regelmäßig zwischen Sandbänken unterschiedlicher Ländergrenzen wechseln, stimmen sich die beteiligten Behörden eng ab. So soll verhindert werden, dass einzelne Tiere versehentlich doppelt gezählt werden und damit das Gesamtbild verzerrt wird.
Die internationale Kooperation im Wattenmeerraum – formal im sogenannten „Seehundabkommen“ verankert – besteht seit den 1990er Jahren. Neben der Bestandserhebung gehört auch der Schutz von Fortpflanzungs- und Ruheplätzen, die Überwachung des Gesundheitszustands und der gezielte Verzicht auf Störungen durch den Menschen zum Konzept. In Deutschland stehen Seehunde unter besonderem Schutz durch das Bundesnaturschutzgesetz.
Seehunde als Indikatoren für die Zukunft der Nordsee
Die erhobenen Daten haben weitreichende Bedeutung – nicht nur für den Artenschutz. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen die Seehundzählungen auch als Frühwarnsystem für größere Umweltprobleme: Ein plötzlicher Rückgang der Bestände kann auf einbrechende Fischpopulationen, zunehmende Umweltgifte oder schwerwiegende Störungen im Ökosystem hinweisen.
Zudem spielen Seehunde eine wichtige Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung des Wattenmeeres. Sie gelten als Aushängeschild für den sanften Tourismus, der auf Naturerleben und Nachhaltigkeit setzt. Ein stabiler und gesunder Seehundbestand wird deshalb auch als Erfolg für die Schutzmaßnahmen der letzten Jahrzehnte gewertet.
Die Ergebnisse der Zählaktion 2025 werden voraussichtlich im Spätsommer veröffentlicht und dienen als Grundlage für künftige Entscheidungen im Natur- und Meeresschutz. Bereits jetzt zeigt sich: Die sorgfältige Beobachtung der Seehunde ist ein Schlüssel, um das komplexe und sensible Gleichgewicht im einzigartigen Lebensraum Wattenmeer besser zu verstehen – und zu bewahren.