Immer häufiger geraten Rettungskräfte in Deutschland an ihre Belastungsgrenze – nicht wegen schwerer Unfälle oder lebensbedrohlicher Notfälle, sondern wegen Notrufen, hinter denen sich in Wahrheit keine akuten medizinischen Situationen verbergen. Trotzdem müssen die Sanitäter ausrücken. Das gebietet die Sorgfaltspflicht – denn am Telefon ist es oft schwer zu erkennen, wie ernst es wirklich ist.
Wir haben ein Rettungsteam auf einer ihrer Schichten begleitet. Schon nach wenigen Stunden wird klar: Viele Einsätze wirken auf den ersten Blick dramatischer, als sie es tatsächlich sind. Eine junge Frau mit Schwindelgefühlen, ein älterer Mann mit leichten Magenbeschwerden – Symptome, die zwar unangenehm sind, aber keine sofortige rettungsdienstliche Versorgung rechtfertigen würden. Und doch: Die Retter müssen kommen.
Kein echter Notfall – aber der Rettungswagen rückt aus
Die Entscheidung, ob ein Notruf berechtigt ist, trifft zunächst die Leitstelle. Dort sitzen erfahrene Disponenten, die nach einem standardisierten System entscheiden, welche Ressourcen mobilisiert werden. Doch selbst mit bewährten Abfragesystemen ist eine Ferndiagnose oft schwierig.
„Wir können und dürfen nicht am Telefon entscheiden, ob jemand nur simuliert oder wirklich Hilfe braucht“, sagt ein Notfallsanitäter. „Wir fahren raus – auch bei Bauchweh oder Rückenschmerzen – und oft wissen wir erst vor Ort, dass eigentlich der Hausarzt genügt hätte.“
Notaufnahmen im Dauerstress
Was auf der Straße beginnt, setzt sich in den Kliniken fort: Notaufnahmen sind überlastet, weil immer mehr Menschen mit leichten Beschwerden ins Krankenhaus kommen – oft auf Anraten oder aus Unsicherheit. Das hat Folgen: Wirklich schwer erkrankte Patienten warten mitunter länger, während medizinisches Personal und Infrastruktur durch Bagatellfälle gebunden werden.
„Es ist ein wachsendes Problem“, bestätigt ein leitender Notarzt. „Wir erleben eine Entgrenzung des Notrufbegriffs. Alles, was irgendwie mit Gesundheit zu tun hat, wird zunehmend über die 112 abgewickelt – auch wenn es gar kein Notfall ist.“
Teure Einsätze – auf Kosten aller
Ein durchschnittlicher Rettungseinsatz kostet zwischen 400 und 800 Euro, je nach Aufwand, Personal und Transport. Ein unnötiger Einsatz bedeutet also nicht nur Zeitverlust für das Team, sondern auch eine massive finanzielle Belastung für die Krankenkassen und damit letztlich für die Allgemeinheit.
Zudem ist der psychische Druck auf die Einsatzkräfte enorm. Viele Sanitäter berichten von Frustration und Erschöpfung, wenn sie mehrfach am Tag zu Einsätzen gerufen werden, die nicht dringlich sind – während an anderer Stelle vielleicht echte Notfälle warten.
Ursachen: Unsicherheit, Überforderung, Bequemlichkeit
Warum rufen so viele Menschen den Rettungsdienst, obwohl kein akuter Notfall vorliegt? Die Gründe sind vielfältig:
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Medizinische Laien können Symptome oft schlecht einschätzen.
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Nicht jeder hat Zugang zu einem Hausarzt – oder erhält zeitnah einen Termin.
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Manche Menschen sind verunsichert oder allein und suchen Hilfe.
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Einige rufen aus reiner Bequemlichkeit, um Wartezeiten in der Praxis zu vermeiden.
Was getan werden kann
Gesundheitsexperten fordern seit Jahren strukturelle Änderungen:
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Bessere Aufklärung, wann die 112 gewählt werden sollte – z. B. durch Kampagnen.
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Ausbau von Notfallnummern wie der 116117 für nicht-akute Beschwerden.
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Einführung verbindlicher telefonischer Ersteinschätzungen durch medizinisches Fachpersonal.
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Stärkung ambulanter Versorgung und Hausbesuchsnotdienste.
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Pilotprojekte mit telemedizinischen Lösungen, um vorab zu prüfen, ob ein Einsatz notwendig ist.
Fazit
Der Missbrauch des Notrufs ist selten böse gemeint – aber er hat konkrete Folgen für das gesamte Rettungssystem. Wer Hilfe braucht, soll sie erhalten. Doch der Notruf ist kein Ersatz für den Hausarzt, kein Gesundheitsratgeber und kein bequemer Türöffner ins Krankenhaus.
Solange Rettungskräfte auf Bagatellfahrten geschickt werden, stehen sie im Ernstfall möglicherweise nicht dort bereit, wo es wirklich um Leben und Tod geht. Es ist Zeit für mehr Verantwortung – bei den Patienten, bei den Strukturen und in der Politik.