Der tödliche Messerangriff im Einkaufszentrum Westfield Bondi Junction im April 2024 hat Australien tief erschüttert. Sechs Menschen starben, darunter fünf Frauen, und zehn weitere wurden verletzt – unter ihnen ein neun Monate altes Baby. Der Täter, der 40-jährige Joel Cauchi, wurde wenige Minuten nach Beginn seines Angriffs von einer Polizistin erschossen. Nun zeigt eine umfassende Untersuchung, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte – und wie viele Warnzeichen ignoriert wurden.
Joel Cauchi war ein hochintelligenter, aber schwer psychisch kranker Mann. Bereits mit 17 Jahren wurde bei ihm Schizophrenie diagnostiziert. Jahrzehntelang war er in psychiatrischer Behandlung, doch ab 2019 nahm er keine Medikamente mehr – ohne ärztlich begleitete Umstellung, ohne engmaschige Kontrolle. Seine frühere Psychiaterin gab an, es ihm selbst überlassen zu haben, ob er seine Medikamente wieder einnehmen wolle. Eine Einschätzung, die viele Fachleute im Rahmen des Verfahrens als fahrlässig einstuften.
Nach seinem Wegzug aus der elterlichen Wohnung war Cauchi ohne regelmäßige ärztliche Betreuung. Er hatte keinen Hausarzt, keinen Psychiater, keine Medikamente – und keinerlei soziale Kontrolle. Gleichzeitig häuften sich Kontakte mit der Polizei: wegen auffälligem Verhalten, seltsamen Anrufen an Schulen, oder weil er ein Waffenbesitz-Zeugnis beantragen wollte. Trotzdem gab es keine systematische Intervention.
Als Cauchi schließlich in Sydney auftauchte, war er obdachlos und völlig entgleist. Am Tag des Attentats stach er innerhalb von fünf Minuten sechs Menschen nieder. Die Opfer waren zufällige Passanten, darunter Mütter, Rentnerinnen, junge Frauen – und ein Sicherheitsmann, der sich ihm mutig entgegenstellte. Nur durch das schnelle Eingreifen der Polizistin Amy Scott konnte weiteres Blutvergießen verhindert werden.
Die Untersuchung brachte zahlreiche Systemfehler ans Licht. Die Behandlung durch Ärzte war oft unzureichend dokumentiert, Warnungen von Angehörigen wurden ignoriert. Eine entscheidende E-Mail eines Polizisten an die interne psychiatrische Koordination wurde übersehen – wegen Personalmangels.
Auch die Sicherheitsvorkehrungen im Einkaufszentrum wurden kritisiert. So war der Kontrollraum des Zentrums zum Tatzeitpunkt unbesetzt. Der getötete Sicherheitsmann hatte gerade seinen ersten Arbeitstag. Schutzwesten für das Personal gab es damals nicht – sie wurden erst nach der Tat eingeführt.
Die Angehörigen der Opfer fordern nicht nur bessere Sicherheitsmaßnahmen, sondern einen grundlegenden Kurswechsel in der australischen Gesundheitspolitik. Für Elizabeth Young, deren Tochter Jade unter den Getöteten war, ist klar: „Meine Tochter wurde ermordet von einem unmedikamentierten, chronisch psychisch kranken Mann mit Messern, die zum Töten gemacht sind. Es ist das Ergebnis jahrelangen Versagens im Umgang mit psychischen Erkrankungen.“
Bis Jahresende wird die Gerichtsmedizinerin Empfehlungen vorlegen. Doch ob daraus tatsächliche Reformen folgen – bleibt offen.