Die Sehnsucht nach Natur, Sinn und körperlicher Arbeit zieht zunehmend Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten auf die Almen. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der registrierten Hirten und Hirtinnen in Österreich von 544 auf 716 gestiegen – viele von ihnen Quereinsteiger ohne landwirtschaftlichen Hintergrund.
Zurück zur Erde – mit System
Am landwirtschaftlichen Bildungszentrum Litzlhof in Kärnten endete diese Woche erneut ein Grundkurs für angehende Hirtinnen und Hirten. Die Teilnehmer:innen lernen dort nicht nur, wie man Zäune repariert oder Kühe zäumt, sondern auch Grundlagen der Tiergesundheit und Pflanzenkunde. Aktuell wird noch mit Attrappen geübt – wegen der Maul- und Klauenseuche –, doch schon im Sommer könnte es für viele ernst werden.
Josef Obweger, Lehrer an der Schule und Obmann des Kärntner Almwirtschaftsvereins, betont die Bedeutung solcher Kurse: „Es ist wichtig, ein realistisches Bild zu vermitteln. Die Alm ist kein romantischer Rückzugsort – sie ist ein Ort intensiver, körperlicher Arbeit. Aber es ist eine Arbeit, die erfüllt.“
Berufung statt Beruf: Neue Lebenswege über den Wolken
Ein typisches Beispiel: Ingmar Brüssow, Ingenieur aus München, ist einer der Teilnehmer. „Ich bin gerade an einem Punkt im Leben, an dem ich neue Wege ausprobieren will“, sagt er. Seine Liebe zu den Bergen und die Erfahrung als privater Alm-Pächter im Zillertal hätten ihn zum Kurs geführt. Besonders faszinierend sei für ihn der Umgang mit den Tieren – wie man durch Berührung und Ruhe sogar ein Kalb beruhigen könne.
Immer mehr Teilnehmende wie Brüssow kommen nicht aus der Landwirtschaft. Viele entdecken über Plattformen wie das Ländliche Fortbildungsinstitut Kärnten (LFI) den Einstieg in das Almleben.
Wirtschaftlicher Alltag auf der Alm
Doch nicht jede Alm kann sich eine:n eigene:n Hirten oder Hirtin leisten. „Über 60 Prozent der Almen haben weniger als 20 Tiere“, erklärt Obweger, „da zahlt sich das oft wirtschaftlich nicht aus.“ Größere Almen werden meist von Agrargemeinschaften betrieben, die gezielt über Vermittlungsbörsen nach Personal suchen.
Wölfe, Wildnis und Wirklichkeit
Auch der Wolf ist ein Thema, das den Alltag auf der Alm zunehmend prägt. Während der Tierschutz Verein Kritik an Abschussregelungen übt, sieht Obweger in der Behirtung keine realistische Alternative: „Es fehlt schlicht an den Kapazitäten.“ Eine dauerhafte Präsenz auf jeder Alm sei personell nicht leistbar.
Fazit: Zwischen Hirtenschule und Hirtenromantik liegt eine Welt harter Arbeit – aber auch tiefer Sinnhaftigkeit. Wer bereit ist, früh aufzustehen, Verantwortung zu übernehmen und mit Natur und Tier zu leben, findet auf der Alm mehr als nur Auszeit: eine Lebensentscheidung.