Im wohl größten Prozess um sexuellen Missbrauch an Kindern in der Geschichte Frankreichs haben gerichtliche Gutachter den Hauptangeklagten, den ehemaligen Chirurgen Joël Le Scouarnec, für voll schuldfähig erklärt. Zwei psychologische Sachverständige erklärten vor dem Strafgericht, bei dem heute 74-jährigen Mediziner sei weder eine psychische Erkrankung noch eine Persönlichkeitsstörung festzustellen.
Die Einschätzung ist von entscheidender Bedeutung für das Verfahren: Sie bedeutet, dass Le Scouarnec für sein Handeln vollumfänglich zur Verantwortung gezogen werden kann.
Ein emotionsloser Täter – Gutachter sprechen von „kalter Persönlichkeit“
Besonders erschütternd war die Schilderung einer forensischen Psychiaterin, die den Angeklagten als „emotionslos“ und „kalt“ beschrieb. Während der Anhörung habe Le Scouarnec keine Reue, kein Mitgefühl, keine sichtbare emotionale Reaktion gezeigt – weder in Bezug auf seine Taten noch gegenüber den Opfern.
Die Gutachter bestätigten, dass Le Scouarnec sich im Verlauf des Prozesses offen zu seinen Verbrechen bekannt hat. Zwischen 1989 und 2014 habe er insgesamt 299 Kinder sexuell missbraucht – 158 Jungen und 141 Mädchen, im Durchschnittsalter von elf Jahren.
Missbrauch über Jahrzehnte – unbemerkt im weißen Kittel
Le Scouarnec arbeitete jahrzehntelang an verschiedenen Krankenhäusern in Westfrankreich. Viele seiner Taten sollen sich in Kliniken und Behandlungsräumen abgespielt haben – Orte, die eigentlich Schutz versprechen sollten. Der Arzt nutzte seine Vertrauensstellung und seinen beruflichen Status, um seine jungen Patientinnen und Patienten zu missbrauchen. Lange blieben die Übergriffe unentdeckt oder unbeachtet.
Der Fall erschütterte ganz Frankreich und warf auch ein Schlaglicht auf die teils mangelhaften Kontrollmechanismen im französischen Gesundheitssystem. Immer wieder wurde hinterfragt, wie ein solches Ausmaß an Missbrauch über Jahre hinweg unbehelligt möglich sein konnte.
Prozess mit Symbolkraft
Der Prozess gegen Joël Le Scouarnec steht stellvertretend für eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit institutionellem Missbrauch. In Frankreich – ähnlich wie in anderen europäischen Ländern – kommen immer mehr Fälle von Gewalt durch medizinisches, pädagogisches oder kirchliches Personal ans Licht.
Viele Betroffene haben sich erst Jahre nach den Taten getraut, darüber zu sprechen. Im Fall Le Scouarnec hatten sich mehr als 200 Nebenklägerinnen und -kläger dem Verfahren angeschlossen.
Fazit: Das Gericht muss nun über das Strafmaß entscheiden – die Einschätzung der Gutachter, dass der Angeklagte voll schuldfähig ist, legt den Weg für ein deutliches Urteil frei. Für viele Betroffene ist das Verfahren nicht nur ein juristischer, sondern auch ein persönlicher Schritt auf dem langen Weg zur Gerechtigkeit.