Redaktion: Herr Reime, Lebensversicherungen sind in Deutschland weit verbreitet. Sind sie heute überhaupt noch zeitgemäß?
Jens Reime: Lebensversicherungen waren früher eine gute Möglichkeit, fürs Alter vorzusorgen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wegen der niedrigen Zinsen bringen klassische kapitalbildende Lebensversicherungen heute oft kaum noch Erträge. Deshalb überlegen viele, ob sie ihre Lebensversicherung behalten oder kündigen sollen.
Redaktion: Welche Arten von Lebensversicherungen gibt es eigentlich?
Jens Reime: Grundsätzlich gibt es zwei Hauptarten: Risikoversicherungen und kapitalbildende Versicherungen. Risikoversicherungen, wie die Risikolebensversicherung oder die Berufsunfähigkeitsversicherung, zahlen nur dann, wenn der Versicherungsfall eintritt – also etwa bei Tod oder Berufsunfähigkeit. Kapitalbildende Versicherungen dagegen kombinieren Sparen und Versicherung. Sie zahlen am Ende der Laufzeit eine Summe aus oder bei Tod der versicherten Person.
Redaktion: Was ist der Vorteil von Risikoversicherungen?
Jens Reime: Sie sind relativ günstig und bieten Schutz bei schweren Schicksalsschlägen. Wenn der Versicherungsfall nicht eintritt, bekommt man allerdings auch kein Geld zurück. Viele kombinieren die Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, weil das oft günstiger ist als zwei Einzelverträge.
Redaktion: Und wie sieht es mit kapitalbildenden Lebensversicherungen aus?
Jens Reime: Diese Versicherungen sparen über die Jahre Kapital an und zahlen entweder eine Summe bei Tod oder bei Vertragsende aus. Früher waren die garantierten Zinsen noch hoch – in den 1990er Jahren bis zu 4 %. Heute liegt der Garantiezins bei nur noch 0,25 %. Das bedeutet, die Erträge sind oft gering.
Redaktion: Was ist eigentlich der Garantiezins?
Jens Reime: Der Garantiezins ist der Zinssatz, den die Versicherung garantiert auf den Sparanteil zahlt. Der Sparanteil ist aber nicht die gesamte monatliche Zahlung. Ein Teil geht für Verwaltungskosten und Risikoschutz drauf. Angenommen, man zahlt 100 Euro monatlich, dann werden vielleicht nur 85 Euro verzinst.
Redaktion: Viele Menschen überlegen, ihre Lebensversicherung zu kündigen. Was raten Sie?
Jens Reime: Das sollte man sich gut überlegen. Vor allem in den ersten Jahren ist der Rückkaufswert oft viel niedriger als die eingezahlten Beiträge. Das liegt an den hohen Abschluss- und Verwaltungskosten. Bei älteren Verträgen mit hohem Garantiezins kann es sinnvoller sein, die Police weiterzuführen. Eine Alternative zur Kündigung kann auch die Beitragsfreistellung sein – dann bleibt der Versicherungsschutz bestehen, ohne weiter einzuzahlen.
Redaktion: Gibt es die Möglichkeit, eine Lebensversicherung zu verkaufen?
Jens Reime: Ja, auf dem Zweitmarkt für Lebensversicherungen kaufen spezialisierte Firmen alte Verträge auf. Der Kaufpreis kann höher sein als der Rückkaufswert. Allerdings werden nicht alle Verträge angenommen, und man sollte die Angebote kritisch prüfen.
Redaktion: Was passiert, wenn die Lebensversicherung mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung gekoppelt ist?
Jens Reime: Dann sollte man besonders vorsichtig sein. Kündigt man die Lebensversicherung, verliert man auch den Berufsunfähigkeitsschutz. In solchen Fällen ist die Beitragsfreistellung meist die bessere Lösung.
Redaktion: Was ist, wenn man nachträglich merkt, dass die Widerrufsbelehrung fehlerhaft war?
Jens Reime: Verträge, die zwischen 1995 und 2007 abgeschlossen wurden, enthalten oft fehlerhafte Belehrungen. Dadurch kann man auch heute noch widersprechen und das Geld zurückfordern. Das kann mehrere Tausend Euro ausmachen. Hier lohnt es sich, rechtlichen Rat einzuholen.
Redaktion: Wie sieht es mit fondsgebundenen Lebensversicherungen aus?
Jens Reime: Diese sind riskanter, weil sie nicht den Garantiezins bieten, sondern vom Finanzmarkt abhängen. Wenn die Fonds schlecht laufen, kann der Rückkaufswert unter den eingezahlten Beiträgen liegen. Sie eignen sich eher für Menschen, die bereit sind, ein finanzielles Risiko einzugehen.
Redaktion: Haben Sie abschließend noch einen Tipp?
Jens Reime: Ja, überprüfen Sie Ihre Lebensversicherung regelmäßig und informieren Sie sich über die aktuellen Konditionen. Viele Versicherte zahlen jahrelang ein, ohne zu wissen, wie wenig am Ende tatsächlich herauskommt. Und wenn Sie über eine Kündigung nachdenken, lassen Sie sich vorher beraten – das spart oft viel Geld.
Redaktion: Vielen Dank für die verständlichen Antworten, Herr Reime!
Fazit:
Lebensversicherungen sind längst nicht mehr so lukrativ wie früher. Wer noch eine alte Police hat, sollte genau prüfen, ob sich eine Kündigung lohnt. Fachlicher Rat hilft dabei, die richtige Entscheidung zu treffen.