Ein US-Amerikaner, der sich über fast zwei Jahrzehnte selbst mit Schlangengift injiziert hat, liefert nun die Grundlage für ein bahnbrechendes Gegengift. Laut einem Forschungsteam konnte im Blut von Tim Friede eine Antikörperkombination identifiziert werden, die in Tierversuchen gegen tödliche Dosen von 13 der 19 gefährlichsten Giftschlangenarten schützt – darunter Mambas, Kobras und Taipane.
Ein radikales Experiment – mit Wirkung
Friede, ein ehemaliger Lkw-Mechaniker, injizierte sich selbst über 700 Mal mit Schlangengift und überlebte mehr als 200 Bisse. Sein Ziel: Immunität aufbauen und ein universelles Gegengift entwickeln. Zwei beinahe tödliche Bisse brachten ihn einst ins Koma – trotzdem machte er weiter.
„Ich wollte nie sterben. Ich wollte nicht, dass andere an einem Biss sterben“, sagte Friede der BBC. Seine Motivation sei nicht Ruhm, sondern Hilfe für Menschen in Entwicklungsländern, wo Schlangenbisse jährlich bis zu 140.000 Todesopfer fordern.
Revolution statt Pferde-Serum
Bisherige Gegengifte basieren auf Pferden oder Schafen, denen Schlangengift injiziert wird, um Antikörper zu gewinnen. Diese sind jedoch oft nur gegen die spezifische Schlangenart wirksam. Selbst innerhalb einer Art kann das Gift je nach Region stark variieren.
Hier setzt die neue Forschung an: Das Biotech-Unternehmen Centivax entdeckte in Friedes Blut sogenannte breit neutralisierende Antikörper, die nicht nur gegen ein einzelnes Toxin, sondern gegen ganze Gruppen wirken.
„Sobald ich von Tim hörte, wusste ich: Wenn jemand diese Antikörper hat, dann er“, sagte Centivax-Chef Dr. Jacob Glanville. Die Analyse von Friede-Blut ergab zwei besonders wirksame Antikörper gegen Nervengifte. Zusammen mit einem bereits bekannten Medikament bilden sie nun ein „Antivenin-Cocktail“, der Mäuse in Labortests schützte.
Ein Cocktail für Millionen Leben
Das Team will das Mittel weiterentwickeln – etwa durch einen vierten Wirkstoff für vollen Schutz gegen alle Elapiden-Schlangen (Mambas, Kobras, Kraits etc.). Danach könnte ein zweites Mittel gegen Vipern folgen, deren Gift vor allem das Blut angreift.
„Tim hat seinem Immunsystem beigebracht, das Schlangengift so breit wie möglich zu erkennen“, sagt Immunologe Prof. Peter Kwong von der Columbia University. In den nächsten 10 bis 15 Jahren, so seine Hoffnung, könnte es jeweils einen Wirkstoff gegen alle wichtigen Giftklassen geben.
Forschung mit globaler Bedeutung
Auch Prof. Nick Casewell vom Zentrum für Schlangenbissforschung in Liverpool spricht von einem „spannenden Fortschritt“ mit noch viel Potenzial. Die Forschung müsse jedoch nun in aufwendige Tests überführt werden, bevor ein Einsatz am Menschen möglich sei.
Für Friede selbst aber ist schon jetzt klar: „Ich bin stolz. Ich wollte etwas Gutes tun für die Menschheit – und das habe ich.“