Der frühere CEO der Modekette Abercrombie & Fitch, Mike Jeffries, wird nach Entscheidung eines US-Gerichts wegen schwerer kognitiver Erkrankung nicht vorerst nicht vor Gericht gestellt. Ihm werden schwere Vorwürfe der Sexhandels und sexuellen Ausbeutung junger Männer zur Last gelegt.
Richterin Nusrat Choudhury erklärte am Freitag, Jeffries leide unter einer „geistigen Erkrankung oder Beeinträchtigung“, die ihn aktuell „unfähig mache, die Gerichtsverfahren zu verstehen“ oder sich angemessen zu verteidigen. Er soll nun für bis zu vier Monate in einem Krankenhaus behandelt werden, um festzustellen, ob sich sein Zustand bessert und eine Verhandlung zu einem späteren Zeitpunkt möglich ist.
Alzheimer, Lewy-Körper-Demenz und Hirnverletzung
Jeffries’ Anwaltsteam hatte bereits im Dezember angegeben, der 79-Jährige leide an später Demenz, Alzheimer und den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas. Ein von der Staatsanwaltschaft bestellter Gutachter bestätigte diese Einschätzung: Jeffries zeige erhebliche Gedächtnisstörungen, könne sich kaum an Schlüsselmomente erinnern und neigte laut Gutachten zu unangemessenem Verhalten, das einen Prozess erheblich stören würde.
Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs und der Ausbeutung
Gemeinsam mit seinem britischen Lebenspartner Matthew Smith (61) und einem Mittelsmann Jim Jacobson (72) war Jeffries im Oktober 2023 festgenommen worden. Alle drei bestreiten die Vorwürfe, laut Anklage sollen sie zwischen 2008 und 2015 junge, oftmals vulnerable Männer – darunter Models – mit Gewalt, Zwang oder Täuschung zu sexuellen Handlungen genötigt haben.
Eine BBC-Dokumentation hatte 2023 das mutmaßlich systematische Vorgehen des Trios enthüllt. Über ein Rekrutierungsnetzwerk sollen Männer in Metropolen wie London, New York, Marrakesch und Paris gezielt für sexuelle Dienste angeworben worden sein – teilweise sogar Mitarbeiter von Abercrombie & Fitch.
Opfer enttäuscht über Gerichtsentscheidung
Mehr als 40 mutmaßliche Opfer sind laut BBC inzwischen mit zivilrechtlichen Vorwürfen an die Öffentlichkeit getreten. Viele von ihnen zeigen sich enttäuscht über die Entscheidung des Gerichts.
„Unsere Mandanten wollten Gerechtigkeit – und jetzt erleben sie, wie der mutmaßliche Haupttäter aus dem Verfahren ausscheidet“, sagte Anwalt Brad Edwards, der 26 Betroffene vertritt. Man werde nun versuchen, Jeffries im Rahmen eines Zivilverfahrens zur Rechenschaft zu ziehen.
Weitere Prozesse nicht ausgeschlossen
Die Strafverfahren gegen Matthew Smith und Jim Jacobson sollen laut US-Justizbehörden weiterlaufen. Auch die zivilrechtlichen Klagen wegen Vergewaltigung, Menschenhandel und Körperverletzung gegen Jeffries und Smith könnten – unabhängig vom Strafverfahren – weitergeführt oder durch Vergleiche beigelegt werden.
Die Beklagten weisen alle Anschuldigungen zurück.
Das Unternehmen Abercrombie & Fitch, das sich seit Jahren um ein neues Image bemüht, hat sich bereits deutlich von Jeffries distanziert. In einer früheren Stellungnahme hieß es, man sei „entsetzt und angewidert“ von den bekannt gewordenen Vorwürfen. Auch eine Klage wegen unterlassener Aufsicht und Fahrlässigkeit gegen den Konzern ist anhängig.
Hintergrund: Mike Jeffries war von 1992 bis 2014 CEO von Abercrombie & Fitch und galt lange Zeit als Architekt des Markenaufstiegs – jedoch auch als umstrittene Führungspersönlichkeit mit rigiden Vorstellungen von Schönheit und Exklusivität. Heute steht sein Name für einen der schwersten Skandale in der Geschichte der US-Modebranche.