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Telefonbetrug: Warum Kriminelle ihre Opfer absichtlich lange in der Leitung halten

guvo59 (CC0), Pixabay

Ein angeblicher Bankmitarbeiter meldet verdächtige Abbuchungen, ein vermeintlicher Behördenvertreter warnt vor einem dringenden Problem oder ein Mitarbeiter eines bekannten Unternehmens will plötzlich das Konto „absichern“. Was danach folgt, kann erstaunlich lange dauern.

Das ist offenbar kein Zufall. Telefonbetrüger versuchen ihre Opfer teilweise bewusst möglichst lange im Gespräch zu halten. Denn mit jeder weiteren Minute bekommen sie zusätzliche Möglichkeiten, Vertrauen aufzubauen, Zeitdruck zu erzeugen und Betroffene zu einer Handlung zu bewegen.

Eine Auswertung von mehr als 1.700 Betrugsanrufen für den „Global Scam Intelligence Report 2026“ des Sicherheitsunternehmens Bitdefender zeigt, dass sich die Gesprächsdauer je nach Betrugsmasche deutlich unterscheidet. Gerade professionelle Betrugsversuche können sich über viele Minuten hinziehen.

Warum Betrüger nicht sofort nach Geld fragen

Wer einen Betrugsanruf ausschließlich mit einer schnellen Geldforderung verbindet, unterschätzt die Methode.

Professionelle Täter kommen häufig gerade nicht sofort zur Sache.

Zunächst muss eine Geschichte entstehen, die glaubwürdig wirkt. Der Anrufer stellt sich beispielsweise als Bankmitarbeiter, Behördenvertreter oder Beschäftigter eines bekannten Unternehmens vor. Danach wird ein Problem präsentiert, das beim Opfer Aufmerksamkeit oder Sorge auslösen soll.

Das angebliche Bankkonto sei gefährdet. Eine verdächtige Überweisung müsse gestoppt werden. Es gebe ein Sicherheitsproblem. Sofortiges Handeln sei erforderlich.

Erst wenn dieses Szenario glaubwürdig erscheint, folgen die nächsten Schritte.

Jede zusätzliche Minute kann den Betrügern helfen

Nach Einschätzung von Bitdefender bietet ein längeres Gespräch den Tätern mehrere Vorteile.

Sie können Vertrauen aufbauen, Betroffene von anderen Meinungen abschirmen und künstlichen Zeitdruck erzeugen. Anschließend versuchen sie, ihre Opfer schrittweise zu einer Zahlung, zur Herausgabe von Zugangsdaten oder sogar zur Installation einer Fernzugriffssoftware zu bewegen.

Damit ähnelt ein professioneller Betrugsanruf weniger einer simplen Geldforderung als einer gezielten Manipulation.

Der Täter versucht, das Opfer durch einen Ablauf zu führen, bei dem eine Handlung auf die nächste folgt.

Aus einem Fremden wird scheinbar ein Helfer

Dabei spielt Vertrauen eine entscheidende Rolle.

Zu Beginn des Telefonats spricht noch ein völlig unbekannter Mensch mit dem Angerufenen. Nach mehreren Minuten kann sich die Situation subjektiv bereits anders anfühlen.

Der angebliche Bankmitarbeiter hat das Problem erklärt, scheinbar Fragen beantwortet und möglicherweise mehrfach versichert, dass er helfen wolle.

Genau darin liegt die Gefahr.

Die Dauer eines Gesprächs ist selbstverständlich kein Beweis für einen Betrugsversuch. Doch bei einem unerwarteten Anruf zu Bankkonten, Zugangsdaten oder angeblichen Sicherheitsproblemen sollte ein ungewöhnlich langes Gespräch eher zu zusätzlicher Vorsicht führen als zu mehr Vertrauen.

Zeitdruck verhindert die unabhängige Kontrolle

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Masche ist laut dem Bericht der künstlich erzeugte Zeitdruck.

Betroffenen wird beispielsweise erzählt, dass sofort gehandelt werden müsse, weil andernfalls Geld verloren gehe oder das Konto gefährdet sei.

Das erzeugt eine Situation, in der eine einfache Schutzmaßnahme immer unwahrscheinlicher wird: auflegen und selbst nachprüfen.

Genau das wäre jedoch entscheidend.

Solange das Opfer am Telefon bleibt, kontrolliert der Anrufer weitgehend den Informationsfluss. Er kann auf Zweifel reagieren, neue Erklärungen liefern und versuchen, Einwände sofort auszuräumen.

Legt die angerufene Person dagegen auf, kann sie selbst bei ihrer Bank anrufen, Angehörige fragen oder über offizielle Kontaktwege überprüfen, ob das behauptete Problem überhaupt existiert.

TANs und Zugangsdaten als mögliches Ziel

Laut dem vorliegenden Bericht versuchen Täter während solcher Gespräche unter anderem, Zugangsdaten, TANs und andere sensible Informationen zu erhalten.

Auch die Installation einer Fernzugriffssoftware kann Ziel eines solchen Telefonats sein.

Spätestens bei entsprechenden Aufforderungen sollte deshalb höchste Vorsicht gelten.

Besonders problematisch ist die Kombination aus mehreren Elementen: Ein angeblich dringendes Sicherheitsproblem wird präsentiert, gleichzeitig wird Zeitdruck aufgebaut und anschließend soll das Opfer sensible Informationen preisgeben oder bestimmte technische Schritte durchführen.

Das vermeintliche Sicherheitsgespräch kann damit selbst zum Sicherheitsrisiko werden.

Der beste Gegenangriff ist erstaunlich einfach

Wer unerwartet von einem angeblichen Bankmitarbeiter oder einem anderen Unternehmen angerufen wird und zu einer dringenden finanziellen oder sicherheitsrelevanten Handlung aufgefordert wird, muss die Situation nicht während dieses Telefonats klären.

Auflegen schafft Abstand.

Danach sollte die betreffende Bank oder das Unternehmen ausschließlich über eine selbst recherchierte beziehungsweise bereits bekannte offizielle Telefonnummer kontaktiert werden.

Wichtig ist dabei, nicht einfach eine Telefonnummer zu verwenden, die der unbekannte Anrufer während des Gesprächs nennt.

Auch ein Name, eine angezeigte Telefonnummer oder detailliertes Wissen über den Angerufenen sollte nicht automatisch als Identitätsnachweis verstanden werden.

Nicht in eine Diskussion hineinziehen lassen

Viele Menschen versuchen bei einem verdächtigen Anruf zunächst herauszufinden, ob der Gesprächspartner tatsächlich ein Betrüger ist.

Das kann jedoch dazu führen, dass genau das passiert, was der Täter erreichen möchte: Das Gespräch geht weiter.

Betroffene müssen einen unbekannten Anrufer nicht überführen.

Bestehen Zweifel, reicht es, das Gespräch zu beenden und den behaupteten Sachverhalt unabhängig zu überprüfen.

Das gilt besonders, wenn Geld, Online-Banking, Passwörter, TANs oder die Installation von Software ins Spiel kommen.

Auch selbstbewusste Menschen können manipuliert werden

Telefonbetrug funktioniert nicht zwangsläufig deshalb, weil ein Opfer technisch unerfahren oder leichtgläubig ist.

Professionelle Täter können eine Situation schaffen, in der mehrere psychologische Faktoren gleichzeitig wirken: Autorität, Angst vor einem finanziellen Schaden, Zeitdruck und das während eines längeren Gesprächs entstandene Vertrauen.

Gerade deshalb ist es sinnvoll, eine einfache persönliche Regel festzulegen, bevor überhaupt ein solcher Anruf kommt:

Bei unerwarteten Anrufen zu Geld, Konten oder Zugangsdaten niemals unter Zeitdruck handeln. Gespräch beenden und den angeblichen Absender anschließend selbst über einen offiziellen Kontakt erreichen.

Fazit: Ein langes Telefonat kann Teil der Manipulation sein

Der „Global Scam Intelligence Report 2026“ macht deutlich, warum manche Telefonbetrüger erstaunlich viel Zeit investieren.

Sie benötigen die Gesprächszeit, um eine glaubwürdige Geschichte aufzubauen, Vertrauen zu schaffen, Zweifel auszuräumen und das Opfer Schritt für Schritt zu einer gewünschten Handlung zu bewegen.

Deshalb kann bei verdächtigen Anrufen ausgerechnet die Dauer des Gesprächs zum Problem werden.

Wer hört, dass angeblich sofort Geld überwiesen, eine TAN genannt, ein Zugang bestätigt oder eine Software installiert werden müsse, sollte sich nicht vom Anrufer durch den vermeintlichen Notfall führen lassen.

In vielen Fällen ist die wichtigste Schutzmaßnahme gleichzeitig die einfachste: Gespräch beenden, Abstand gewinnen und anschließend selbst überprüfen, ob die Geschichte überhaupt stimmt.

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