Der Handelsverband Deutschland sieht trotz der Abschaffung der bisherigen Zollfreigrenze weiterhin erheblichen Handlungsbedarf im Umgang mit Billigimporten aus Ländern außerhalb der Europäischen Union. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth geht davon aus, dass die großen internationalen Onlinehändler ihre Vertriebs- und Lieferstrukturen an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen werden.
„Temu, Shein und wie sie alle heißen werden sich anpassen, und sie werden weitermachen“, sagte Genth dem Nachrichtenportal t-online. Die neuen Zollregelungen könnten zwar die Zahl der Sendungen verringern, würden das Geschäftsmodell der Plattformen aber nicht grundsätzlich verhindern.
Erste Hinweise auf die Auswirkungen der abgeschafften Zollfreigrenze kommen aus Frankreich. Dort soll die Zahl der entsprechenden Paketsendungen nach Angaben des Handelsverbandes bereits um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sein. Für Deutschland liegen laut Genth bislang noch keine vergleichbaren Zahlen vor.
Trotz des Rückgangs in Frankreich bleibt das Paketaufkommen nach Einschätzung des HDE außerordentlich hoch. Genth spricht weiterhin von „Millionen und Abermillionen Paketen“, die aus Ländern außerhalb der Europäischen Union nach Europa gelangen. Die neuen Zollregelungen zeigen demnach erste Auswirkungen, reichen aus Sicht des Handelsverbandes jedoch nicht aus, um den massenhaften Import besonders günstiger Waren dauerhaft einzudämmen.
Für Onlineplattformen wie Temu und Shein bedeuten die veränderten Zollbedingungen zusätzliche Kosten und einen erhöhten organisatorischen Aufwand. Wie stark sich dies auf die Endpreise und das Bestellverhalten der Verbraucher auswirkt, hängt unter anderem davon ab, ob die Anbieter ihre Lieferwege verändern, Waren verstärkt innerhalb der Europäischen Union lagern oder zusätzliche Kosten an ihre Kunden weitergeben.
Der deutsche Einzelhandel beobachtet die Entwicklung mit besonderem Interesse. Internationale Onlineplattformen stehen in direktem Wettbewerb mit heimischen Händlern, die ebenfalls um preisbewusste Kunden werben. Aus Sicht des Handelsverbandes kommt es deshalb darauf an, dass für alle Marktteilnehmer vergleichbare Wettbewerbsbedingungen gelten.
Neben den finanziellen Auswirkungen der Zollregelungen stellt sich auch die Frage, wie die Einhaltung europäischer Produkt- und Sicherheitsvorschriften bei der großen Zahl importierter Kleinsendungen kontrolliert werden kann. Die Abschaffung der Zollfreigrenze allein löst diese Herausforderung nicht. Entscheidend ist auch, ob die zuständigen Behörden die Einfuhrbestimmungen wirksam durchsetzen können.
Wie stark die neuen Zölle den deutschen Markt tatsächlich verändern, bleibt vorerst offen. Während die vom Handelsverband genannten Zahlen aus Frankreich auf einen Rückgang der Sendungen hindeuten, fehlen für Deutschland bislang entsprechende Daten. Auch lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen, in welchem Umfang internationale Onlineplattformen ihre Geschäftsmodelle an die neuen Rahmenbedingungen anpassen werden.
Die Einschätzung des Handelsverbandes macht deutlich, dass die Abschaffung der Zollfreigrenze zwar Auswirkungen auf den grenzüberschreitenden Onlinehandel hat, aber nicht zwangsläufig zu einem dauerhaften Rückgang der Billigimporte führen muss. Für den deutschen Einzelhandel bleibt daher entscheidend, wie sich die Paketmengen in den kommenden Monaten entwickeln und welche Strategien internationale Plattformen als Reaktion auf die neuen Zollregelungen verfolgen.