Das Apothekennetz in Deutschland schrumpft weiter – und trotz einer Verlangsamung des Rückgangs gibt es wenig Anlass zur Entwarnung. Ende Juni existierten bundesweit noch 16.488 Apotheken. Seit Jahresbeginn sind damit netto weitere 113 Standorte verschwunden. Hinter dieser Zahl steht eine noch deutlichere Entwicklung: Gerade einmal 30 Neueröffnungen stehen 143 Schließungen gegenüber.
Damit schließt rechnerisch fast fünfmal so häufig eine Apotheke, wie eine neue eröffnet wird. Durchschnittlich verschwanden im ersten Halbjahr netto mehr als vier Apotheken pro Woche. Von einem stabilen Apothekennetz kann angesichts dieser Entwicklung kaum gesprochen werden.
Thomas Preis, Präsident der Deutschen Apothekerverbände, schlägt entsprechend Alarm: „Wir verlieren immer noch viel zu viele Apotheken.“
Zwar lässt sich ein positiver Aspekt erkennen. Im ersten Halbjahr 2025 war der Rückgang mit 238 Apotheken noch erheblich größer. Der Nettoverlust hat sich somit mehr als halbiert. Doch genau dieser Vergleich kann leicht zu einer falschen Schlussfolgerung führen. Ein langsameres Schrumpfen ist noch kein Wachstum und auch keine Trendwende. Die Zahl der Apotheken sinkt weiterhin.
Besonders kritisch ist das Verhältnis zwischen Schließungen und Neueröffnungen. Die 30 neuen Apotheken konnten lediglich rund 21 Prozent der 143 Schließungen ausgleichen. Anders ausgedrückt: Mehr als drei Viertel der weggefallenen Standorte wurden zahlenmäßig nicht durch Neueröffnungen ersetzt.
Damit stellt sich zunehmend die Frage, wie lange Deutschland einen solchen strukturellen Rückgang verkraften kann, ohne dass die wohnortnahe Arzneimittelversorgung spürbar darunter leidet.
Denn eine Apotheke ist nicht einfach ein Einzelhandelsgeschäft, das durch einen anderen Händler ersetzt werden kann. Vor-Ort-Apotheken übernehmen eine unmittelbare Funktion in der Arzneimittelversorgung. Neben der Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente gehören Beratung, die Klärung von Arzneimittelfragen und weitere pharmazeutische Leistungen zu ihrem Aufgabenbereich.
Besonders problematisch könnte ein weiterer Rückgang deshalb dort werden, wo das Netz ohnehin dünn ist. Schließt eine Apotheke in einer Großstadt, befinden sich möglicherweise mehrere Alternativen in erreichbarer Nähe. Fällt dagegen ein Standort in einer ländlichen Region weg, können die Auswirkungen für Patienten erheblich größer sein.
Allerdings geben die vorliegenden bundesweiten Zahlen keine Auskunft darüber, wo die 143 Apotheken geschlossen wurden. Deshalb lässt sich daraus allein noch nicht ableiten, in welchem Umfang sich die tatsächlichen Wege zur nächsten Apotheke verlängert haben. Für eine belastbare Bewertung der Versorgungssituation wären regionale Daten notwendig.
Ebenso wichtig ist eine zweite Einschränkung: Die Zahlen dokumentieren den Rückgang, erklären aber nicht dessen Ursachen. Aus ihnen geht nicht hervor, wie viele Apotheken aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurden, wie häufig fehlende Nachfolger eine Rolle spielten oder welche anderen Faktoren ausschlaggebend waren.
Gerade deshalb sollte die politische Diskussion über das sogenannte Apothekensterben nicht bei der bloßen Zahl der Standorte stehen bleiben. Entscheidend ist, warum so wenige neue Apotheken entstehen.
30 Neueröffnungen innerhalb eines halben Jahres sind angesichts von 143 Schließungen auffällig wenig. Wenn der Bestand dauerhaft stabilisiert werden soll, reicht es nicht, lediglich bestehende Apotheken möglichst lange am Markt zu halten. Der Betrieb einer Apotheke müsste gleichzeitig attraktiv genug sein, damit Unternehmer neue Standorte eröffnen oder bestehende Betriebe übernehmen.
Genau hier liegt möglicherweise das größere strukturelle Warnsignal. Selbst wenn die Zahl der Schließungen künftig weiter zurückgeht, schrumpft das Netz weiter, solange deutlich weniger Apotheken neu entstehen.
Die aktuelle Entwicklung sollte deshalb nicht mit dem Hinweis relativiert werden, dass im ersten Halbjahr 2025 noch mehr Apotheken verschwanden. Entscheidend ist die Richtung: Auch 2026 geht es weiter nach unten.
Aus 143 Schließungen und lediglich 30 Neueröffnungen ergibt sich ein klares Missverhältnis. Würde sich ein Nettoverlust von 113 Apotheken pro Halbjahr rein rechnerisch unverändert fortsetzen, wären es innerhalb eines Jahres rund 226 Standorte. Eine solche Hochrechnung ist ausdrücklich keine Prognose, verdeutlicht aber, welche Größenordnung selbst ein inzwischen verlangsamter Rückgang erreichen kann.
Hinzu kommt ein langfristiges Problem: Ein einmal aufgegebener Apothekenstandort lässt sich nicht automatisch wiederbeleben. Räume, Personal, Kundenstrukturen und Nachfolgelösungen müssen vorhanden sein. Gerade deshalb kann ein kontinuierlicher Rückgang nachhaltigere Auswirkungen haben, als es die reine Jahresstatistik zunächst vermuten lässt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr nur, ob Deutschland Apotheken verliert. Das belegen die Zahlen eindeutig. Viel wichtiger ist, wann und wo aus dem quantitativen Rückgang ein konkretes Versorgungsproblem für Patienten wird – und welche Maßnahmen verhindern sollen, dass dieser Punkt erreicht wird.
Dass sich das Tempo gegenüber 2025 verlangsamt hat, ist zwar eine Verbesserung. Als Erfolg kann ein Markt, in dem fast fünf Schließungen auf eine Neueröffnung kommen, jedoch schwerlich bezeichnet werden.