Für private Haushalte in Deutschland könnte Erdgas zum Jahreswechsel spürbar teurer werden. Das Vergleichsportal Verivox erwartet angesichts der Entwicklung auf den Energiemärkten steigenden Preisdruck.
Verivox-Energieexperte Thorsten Storck sagte der „Rheinischen Post“, beim derzeitigen Preisniveau seien zum Jahreswechsel Preiserhöhungen zwischen zehn und 20 Prozent möglich.
Hinter der Prognose stehen mehrere Faktoren, die gleichzeitig auf den Gasmarkt einwirken: gestiegene Großhandelspreise, die Folgen des Iran-Kriegs, niedrige Füllstände der deutschen Gasspeicher und die bevorstehende Heizperiode.
Bis zu 20 Prozent mehr – was würde das für Haushalte bedeuten?
Sollte sich eine Preiserhöhung tatsächlich vollständig bei den Verbrauchern niederschlagen, könnten die Auswirkungen erheblich sein.
Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt die Größenordnung: Ein Haushalt, der bislang 1.500 Euro im Jahr für Gas bezahlt, käme bei einer Erhöhung um zehn Prozent auf 1.650 Euro. Das wären 150 Euro zusätzliche Kosten pro Jahr.
Bei einem Anstieg um 20 Prozent würden daraus 1.800 Euro – also 300 Euro mehr.
Bei bisherigen jährlichen Gaskosten von 2.000 Euro würde ein Anstieg um 20 Prozent rechnerisch sogar zusätzliche Kosten von 400 Euro bedeuten.
Das sind allerdings lediglich Rechenbeispiele. Die tatsächliche Entwicklung kann von Haushalt zu Haushalt erheblich abweichen.
Großhandelspreise geraten unter Druck
Der wichtigste Faktor hinter der Prognose ist die Entwicklung auf dem Großhandelsmarkt.
Versorgungsunternehmen kaufen Gas teilweise langfristig, teilweise aber auch zu kurzfristigeren Konditionen ein. Steigen die Beschaffungskosten nachhaltig, kann dieser Effekt zeitversetzt bei den Endkunden ankommen.
Verivox verweist auf die aktuell stark gestiegenen Großhandelspreise für Gas und bringt diese Entwicklung mit dem Iran-Krieg in Verbindung.
Wie stark und wie lange sich geopolitische Spannungen auf die europäischen Energiepreise auswirken, hängt allerdings von zahlreichen Faktoren ab – etwa von tatsächlichen Lieferausfällen, Transportwegen, LNG-Verfügbarkeit und der Entwicklung der weltweiten Nachfrage.
Speicherstände werden vor dem Winter wichtiger
Hinzu kommt ein zweiter Faktor: die deutschen Gasspeicher.
Sie spielen vor allem während der Heizperiode eine wichtige Rolle. Im Sommer kann Gas eingespeichert werden, das während der verbrauchsstarken Wintermonate zur Verfügung steht.
Sind die Speicher vor Beginn der Heizperiode vergleichsweise schwach gefüllt, kann dies den Beschaffungsdruck erhöhen.
Verivox nennt den geringen Füllstand der deutschen Speicher deshalb ausdrücklich als einen Grund für seine Erwartung steigender Haushaltspreise.
Wie angespannt die Versorgung im Winter tatsächlich wird, lässt sich daraus allein jedoch nicht ableiten. Entscheidend sind unter anderem die weitere Befüllung der Speicher, Importe, Temperaturen und der tatsächliche Gasverbrauch.
Der Winter wird zum entscheidenden Faktor
Gerade die Temperaturen können die Entwicklung erheblich beeinflussen.
Ein milder Winter reduziert üblicherweise den Heizbedarf und damit die Nachfrage nach Erdgas. Eine längere Kälteperiode kann dagegen den Verbrauch erhöhen und Speicher schneller leeren.
Das macht Prognosen für den Jahreswechsel besonders schwierig.
Die von Verivox genannten zehn bis 20 Prozent sind deshalb keine feststehende allgemeine Preiserhöhung, sondern eine Einschätzung auf Grundlage des derzeitigen Marktumfelds.
Nicht jeder Haushalt wäre gleichzeitig betroffen
Selbst wenn die Beschaffungskosten der Versorger steigen, bedeutet dies nicht, dass alle Gaskunden zum 1. Januar automatisch zehn oder 20 Prozent mehr bezahlen.
Entscheidend ist der jeweilige Vertrag.
Kunden mit laufender Preisgarantie können kurzfristig anders betroffen sein als Verbraucher in Tarifen, deren Preise regelmäßig angepasst werden können. Auch der Zeitpunkt, zu dem ein Energieversorger Gas eingekauft hat, kann eine Rolle spielen.
Ein Anbieter, der einen größeren Teil seines Bedarfs frühzeitig zu günstigeren Konditionen abgesichert hat, steht vor einer anderen Kostensituation als ein Unternehmen, das stärker von kurzfristigen Marktpreisen abhängig ist.
Haushalte sollten Preisankündigungen genau prüfen
Für Verbraucher dürfte deshalb vor allem wichtig werden, welche Schreiben ihre Energieversorger in den kommenden Monaten verschicken.
Eine allgemeine Marktprognose ersetzt keine konkrete Preismitteilung des eigenen Anbieters.
Wer wissen möchte, welche Belastung tatsächlich droht, sollte insbesondere Arbeitspreis, Grundpreis, Jahresverbrauch und mögliche Preisgarantien im eigenen Vertrag betrachten.
Auch der monatliche Abschlag ist nicht mit dem tatsächlichen Gaspreis zu verwechseln. Entscheidend für die Jahreskosten sind der tatsächliche Verbrauch und die vertraglich vereinbarten Preise.
Höhere Preise treffen Haushalte unterschiedlich
Die finanziellen Auswirkungen hängen außerdem stark vom individuellen Gasverbrauch ab.
Ein kleiner Haushalt in einer gut gedämmten Wohnung benötigt wesentlich weniger Heizenergie als eine Familie in einem älteren Einfamilienhaus.
Bei einem hohen Jahresverbrauch schlägt eine prozentual identische Preissteigerung deshalb in absoluten Eurobeträgen wesentlich stärker zu Buche.
Gerade Haushalte mit älteren Gasheizungen und energetisch wenig sanierten Gebäuden könnten bei deutlichen Preissteigerungen entsprechend höhere Mehrkosten spüren.
Erinnerung an die Energiekrise
Steigende Großhandelspreise dürften bei vielen Verbrauchern Erinnerungen an die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wecken.
Die damalige Situation zeigte, wie schnell geopolitische Ereignisse auf den europäischen Gasmarkt durchschlagen können.
Die gegenwärtige Lage sollte damit jedoch nicht automatisch gleichgesetzt werden. Ob und in welchem Umfang sich eine neue Preisphase entwickelt, hängt von der weiteren Versorgungslage und den internationalen Energiemärkten ab.
Prognose mit erheblicher Unsicherheit
Für Verbraucher ist deshalb die Unterscheidung zwischen einer Marktprognose und einer bereits feststehenden Preisentwicklung wichtig.
Verivox sagt nicht voraus, dass jeder Haushalt zum Jahreswechsel definitiv 20 Prozent mehr bezahlen wird.
Die Aussage lautet vielmehr: Beim gegenwärtigen Preisniveau hält das Vergleichsportal Erhöhungen zwischen zehn und 20 Prozent für möglich.
Ob dieses Szenario eintritt, dürfte wesentlich davon abhängen, wie sich die Großhandelspreise in den kommenden Monaten entwickeln und wie Energieversorger darauf reagieren.
Fazit: Der Gaswinter könnte wieder teurer werden
Nach Jahren, in denen sich die europäischen Energiemärkte an eine veränderte Versorgungssituation anpassen mussten, zeichnet sich für Gaskunden erneut ein Kostenrisiko ab.
Verivox sieht drei wesentliche Belastungsfaktoren: hohe Großhandelspreise, niedrige Speicherstände und den bevorstehenden Winter. Hinzu kommen die geopolitischen Folgen des Iran-Kriegs für die Energiemärkte.
Beim derzeitigen Preisniveau hält das Vergleichsportal deshalb Gaspreiserhöhungen von zehn bis 20 Prozent zum Jahreswechsel für möglich.
Für einen Haushalt mit bisherigen Gaskosten von 1.500 Euro jährlich würde das rechnerisch Mehrkosten von 150 bis 300 Euro bedeuten.
Ob es tatsächlich dazu kommt, ist noch offen.