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Die Flut der Fake-Bücher: KI-Texte überschwemmen den Online-Buchhandel

Hermann (CC0), Pixabay

Ein Reiseführer soll Orientierung geben: Sehenswürdigkeiten vorstellen, Hintergründe erklären, praktische Hinweise liefern und im besten Fall zeigen, dass sein Autor den beschriebenen Ort tatsächlich kennt.

Was der Student Leon Falk für rund 20 Euro erhielt, erfüllte diese Erwartungen offenbar nicht.

Für sein Auslandssemester in der französischen Stadt Nancy hatte er online einen Reiseführer bestellt. Das Buch umfasst 164 Seiten. Doch nach seiner Schilderung fehlen Bilder fast vollständig und auch über die Sehenswürdigkeiten der Stadt erfährt der Leser nur wenig.

Bei Falk entstand deshalb schnell ein Verdacht: Dieses Buch könnte mithilfe Künstlicher Intelligenz produziert worden sein.

Aus dem „Parc de la Pépinière“ wird der „Nursery Park“

Besonders auffällig sind sprachliche Merkwürdigkeiten.

Der bekannte Parc de la Pépinière in Nancy wird in dem Reiseführer mit der englischen Überschrift „Nursery Park“ versehen – eine wörtliche Übertragung, die im Zusammenhang mit dem Eigennamen des Parks befremdlich wirkt.

Noch kurioser wird es bei den angeblichen Sprachtipps.

Wer in Frankreich einen Kaffee bestellen möchte, soll dem Reiseführer zufolge ungefähr „zhuh voo-dray un kah-fay“ sagen.

Gemeint ist der französische Satz „Je voudrais un café“ – „Ich möchte einen Kaffee“.

Für Falk ist das Buch deshalb nicht einfach nur schlecht geschrieben. Er hält es für ein mit KI erstelltes Produkt. Die dafür bezahlten 20 Euro bezeichnet er als hinausgeworfenes Geld.

330 Bücher unter einem einzigen Namen

Noch auffälliger wurde der Fall, als Falk nach dem auf dem Cover angegebenen Autorennamen suchte.

Unter dem Namen „Cameron L. Hartwell“ waren Anfang September 330 verschiedene Titel bei Amazon gelistet.

Dabei beschränkte sich das vermeintliche Fachwissen keineswegs auf Nancy oder Frankreich.

Das Angebot reichte von Campingreisen in Schweden über Gorilla-Touren in Uganda bis zu Reiseführern über Georgien und die kroatische Insel Brač.

Eine solche enorme Zahl von Veröffentlichungen zu völlig unterschiedlichen Reisezielen kann zumindest Zweifel daran wecken, wie die Bücher recherchiert und produziert wurden. Sie ist für sich genommen allerdings noch kein technischer Beweis dafür, dass sämtliche Texte vollständig von einer KI erzeugt wurden.

Buchbranche beobachtet massive Zunahme

Das Problem ist in der deutschen Buchbranche längst angekommen.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels berichtet von einer deutlichen Zunahme entsprechender Angebote innerhalb der vergangenen drei Jahre.

Besonders betroffen seien Reiseführer, Ratgeber und Kinderbücher.

Gerade diese Bereiche eignen sich für eine automatisierte Massenproduktion: Ein Textgenerator kann innerhalb kurzer Zeit große Mengen Text erzeugen, während sich mit digitalen Werkzeugen auch Cover und Produktbeschreibungen erstellen lassen.

Das Ergebnis kann auf einer Verkaufsplattform auf den ersten Blick wie ein regulär produziertes Buch wirken.

Ein gutes Cover sagt wenig über den Inhalt aus

Genau darin sieht die Verlagsbranche eine Gefahr.

Ein professionell wirkendes Cover vermittelt Käufern zunächst Seriosität. Dazu kommen Titelzusätze mit aktuellen Jahreszahlen wie „2026“ oder „2026–2027“.

Bei einem Reiseführer suggeriert eine solche Jahreszahl besondere Aktualität.

Der Käufer kann dadurch den Eindruck bekommen, ein frisch recherchiertes Werk mit aktuellen Informationen über Hotels, Sehenswürdigkeiten, Verkehrsmittel oder Restaurants zu erwerben.

Ob die Informationen tatsächlich recherchiert und überprüft wurden, lässt sich am Produktbild jedoch kaum erkennen.

Masse lässt sich heute extrem schnell produzieren

Die wirtschaftliche Logik hinter solchen Veröffentlichungen ist vergleichsweise einfach.

Traditionelle Reiseführer entstehen durch Recherche, redaktionelle Arbeit, Lektorat, Bildauswahl, Gestaltung und Aktualisierung. All das kostet Zeit und Geld.

Mit generativer KI lassen sich dagegen innerhalb kurzer Zeit große Textmengen produzieren.

Wer diese Texte mit automatisch oder schnell erstellten Buchcovern kombiniert und über digitale Veröffentlichungsplattformen anbietet, kann theoretisch zahlreiche Titel zu unterschiedlichen Themen auf den Markt bringen.

Die Zahl von 330 Büchern unter einem einzigen Autorennamen zeigt zumindest, welche Dimension solche Angebote inzwischen erreichen können.

Seriöse Verlage geraten unter Konkurrenzdruck

Für traditionelle Buchverlage entsteht dadurch ein neues Problem.

Sie konkurrieren im Onlinehandel nicht ausschließlich mit anderen professionell produzierten Büchern. In den Suchergebnissen können daneben Titel auftauchen, deren Produktionsaufwand möglicherweise wesentlich geringer war.

Für Käufer ist dieser Unterschied nicht zwingend sichtbar.

Ein günstiger Preis, ein modernes Cover, eine aktuelle Jahreszahl und positive Bewertungen können zunächst für das vermeintliche Buch sprechen.

Der tatsächliche Qualitätsunterschied zeigt sich unter Umständen erst nach dem Kauf.

Auch Bewertungen können Zweifel auslösen

Nach Einschätzung des Reisebuch-Verlegers Andreas Walter kommt ein weiteres Problem hinzu: Auch positive Bewertungen unter verdächtigen Büchern müssten kritisch betrachtet werden.

Bei manchen bestehe der Verdacht, dass Bewertungen nicht authentisch seien.

Das verschärft das Problem für Verbraucher.

Denn Bewertungen gehören im Onlinehandel zu den wichtigsten Orientierungshilfen. Ein Buch mit zahlreichen positiven Rezensionen wirkt vertrauenswürdiger als ein Titel ohne Bewertungen.

Sind jedoch nicht nur Texte, sondern möglicherweise auch Teile der begleitenden Vermarktung künstlich erzeugt oder manipuliert, wird eine Kaufentscheidung schwieriger.

Wie Käufer verdächtige Bücher erkennen können

Ein einzelnes Merkmal beweist nicht, dass ein Buch KI-generiert ist. Mehrere Auffälligkeiten zusammen können jedoch Anlass für eine genauere Prüfung geben.

Verdächtig können beispielsweise extrem viele Veröffentlichungen eines unbekannten Autors innerhalb kurzer Zeit sein – insbesondere dann, wenn sie völlig unterschiedliche Fachgebiete oder Reiseziele abdecken.

Auch merkwürdige Übersetzungen, oberflächliche Beschreibungen, fehlende Bilder oder wiederkehrende allgemeine Formulierungen können Hinweise liefern.

Bei Reiseführern lohnt sich außerdem ein Blick darauf, ob Autor und Verlag nachvollziehbar sind und ob konkrete Ortskenntnis erkennbar wird.

Nicht jede Verwendung von KI macht ein Buch zum Fake

Die Diskussion hat allerdings eine wichtige Grauzone.

Künstliche Intelligenz wird inzwischen auch von professionellen Autoren und Verlagen als Werkzeug eingesetzt.

Sie kann beispielsweise bei Recherchevorbereitungen, beim Strukturieren von Material oder beim sprachlichen Überarbeiten helfen.

Deshalb wäre die einfache Unterscheidung „mit KI“ oder „ohne KI“ nur begrenzt aussagekräftig.

Entscheidender ist, ob hinter einem veröffentlichten Buch verantwortliche Menschen stehen, die Informationen überprüfen, Fehler korrigieren und für die Qualität des fertigen Werkes einstehen.

Ein „KI-frei“-Siegel wäre schwer kontrollierbar

Auch ein entsprechendes Gütesiegel würde das Problem deshalb nicht automatisch lösen.

Ein Label wie „KI-freies Buch“ klingt zunächst nach einer einfachen Möglichkeit, traditionelle Bücher von automatisiert produzierten Werken abzugrenzen.

In der Praxis wäre jedoch schwer festzustellen, ab welchem Einsatz von KI ein Buch nicht mehr als KI-frei gelten dürfte.

Darf ein Autor eine KI für Rechtschreibkorrekturen verwenden? Für Übersetzungsvorschläge? Für Recherche? Für die Gliederung eines Kapitels?

Hinzu kommt die entscheidende Frage der Kontrolle: Wer könnte zuverlässig überprüfen, welche technischen Hilfsmittel während eines möglicherweise monatelangen Schreibprozesses verwendet wurden?

Auch das Urheberrecht beschäftigt die Branche

Der Börsenverein verweist zudem auf die urheberrechtliche Dimension generativer KI.

Der Verband kritisiert, dass KI-Systeme mit von Menschen geschaffenen Inhalten trainiert werden können, ohne dass Autoren und Rechteinhaber hierfür nach seiner Darstellung zwingend eine Genehmigung erteilt oder eine Vergütung erhalten haben.

Die rechtliche Bewertung solcher Trainingspraktiken ist allerdings ein eigenständiges und komplexes Thema. Sie sollte von der Frage unterschieden werden, ob ein konkretes zum Verkauf angebotenes Buch tatsächlich vollständig oder überwiegend KI-generiert wurde.

Das Vertrauen in Bücher steht auf dem Spiel

Für die Buchbranche geht es letztlich um mehr als einzelne schlechte Reiseführer.

Ein Buch besitzt traditionell einen gewissen Vertrauensvorschuss. Käufer erwarten, dass ein Sachbuch recherchiert wurde, ein Reiseführer brauchbare Informationen enthält und ein Ratgeber fachlich zumindest redaktionell geprüft worden ist.

Generative KI verändert diese Ausgangslage.

Heute kann theoretisch nahezu jeder innerhalb kurzer Zeit umfangreiche Texte erzeugen und als digitales oder gedrucktes Buch veröffentlichen.

Die technische Möglichkeit zur Buchproduktion ist damit wesentlich leichter zugänglich geworden.

Die Qualitätskontrolle hält mit dieser Geschwindigkeit nicht zwangsläufig Schritt.

Ein Reiseführer als Beispiel für ein größeres Problem

Der Nancy-Reiseführer von Leon Falk steht damit beispielhaft für eine Entwicklung, die Verlage und Buchhändler zunehmend beschäftigt.

164 Seiten, rund 20 Euro Kaufpreis, kaum Bilder, wenig konkrete Information und ungewöhnliche Übersetzungen – verbunden mit einem Autorennamen, unter dem Hunderte weitere Bücher angeboten werden.

Ob ein konkretes Werk tatsächlich vollständig von einer KI erstellt wurde, lässt sich anhand solcher Auffälligkeiten allein nicht zweifelsfrei feststellen.

Sie zeigen aber, warum Käufer bei unbekannten Autoren und Verlagen genauer hinschauen sollten.

Fazit: Beim Online-Buchkauf wird kritisches Prüfen wichtiger

Generative KI hat die Schwelle zur massenhaften Produktion von Büchern drastisch gesenkt. Damit wächst jedoch auch die Gefahr, dass professionell aussehende Veröffentlichungen angeboten werden, deren Inhalt oberflächlich, fehlerhaft oder kaum überprüft ist.

Nach Angaben des Börsenvereins hat die Zahl verdächtiger Titel insbesondere bei Reiseführern, Kinderbüchern und Ratgebern in den vergangenen drei Jahren massiv zugenommen.

Für Leser bedeutet das eine neue Realität im Online-Buchhandel.

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