Es gibt Dinge, von denen man als Fan des FC Augsburg weiß, dass man sie vermutlich irgendwann erleben wird.
Abstiegskampf? Kennen wir.
Relegation? Hatten wir.
Europa League? Waren wir tatsächlich schon.
Große Vereine ärgern? Gehört inzwischen fast zum Augsburger Grundinventar.
Aber Tabellenführer der Fußball-Bundesliga?
Jetzt hört doch auf.
Doch es stimmt tatsächlich.
Der FC Augsburg steht an der Spitze der Bundesliga.
Ganz oben.
Platz eins.
Vor Bayern, Dortmund, Leverkusen und dem ganzen Rest.
Ich habe sicherheitshalber dreimal auf die Tabelle geschaut. Vielleicht hatte der Server einen Fehler. Vielleicht war versehentlich nach Vereinsnamen sortiert worden. Wobei wir dann auch nicht Erster wären.
Nein.
Es stimmt wirklich.
Nach dem 4:1 bei Eintracht Frankfurt ist der FCA erstmals in seiner Bundesliga-Geschichte Tabellenführer.
Liebe Leute: Screenshot machen! Ausdrucken! Einrahmen!
Man weiß schließlich nie, wann man so etwas wieder sieht.
Dabei sah es zunächst überhaupt nicht nach einem historischen Abend aus
Wer die erste Halbzeit gesehen hat, dürfte kaum gedacht haben:
„Jawohl, heute übernehmen wir die Tabellenführung.“
Frankfurt begann stark.
Jonathan Burkardt traf bereits in der sechsten Minute zum 1:0. Danach drückte die Eintracht weiter, während wir Augsburger vor allem einem Mann dankbar sein konnten:
Finn Dahmen.
Unser Torwart hielt uns im Spiel.
Frankfurt hatte Möglichkeiten zum 2:0, vielleicht sogar zu mehr. Aber Dahmen sagte sinngemäß: Heute nicht, Freunde.
Mit 0:1 ging es in die Kabine.
Und wahrscheinlich saßen viele FCA-Fans vor dem Fernseher und dachten:
Na gut. Noch ist nichts verloren.
Was dann passierte, war allerdings nicht unbedingt das, womit wir gerechnet hatten.
46. Minute: Ibrahimović. 1:1.
Die zweite Halbzeit war kaum angepfiffen, da klingelte es.
Arijon Ibrahimović.
Ausgleich.
1:1.
Sehr schön.
Jetzt wieder Ordnung reinbringen, dachte man.
Ein bisschen Ruhe.
Frankfurt kommen lassen.
Vielleicht irgendwann kontern.
Völlig falscher Gedanke.
Denn Augsburg hatte offenbar beschlossen, dass eine Minute Spannung für diesen Abend vollkommen ausreichend war.
47. Minute: Fellhauer. 2:1.
Keine zwei Minuten nach Wiederanpfiff:
Robin Fellhauer.
Tor.
2:1.
Ich weiß nicht, was Manuel Baum seinen Spielern in der Halbzeitpause gesagt hat.
Aber wenn er dieses Zeug irgendwo in Flaschen verkauft, nehme ich zwei Kisten.
Frankfurt wusste wahrscheinlich selbst nicht, was gerade passiert war.
Eben noch 1:0 vorne.
Kurz aus der Kabine gekommen.
Und plötzlich führt Augsburg.
Der FCA hatte die Partie praktisch innerhalb eines Augenblicks auf links gedreht.
Und Augsburg hatte noch lange nicht genug
Normalerweise beginnt für einen Fußballfan nach einer 2:1-Führung die unangenehme Phase des Abends.
Noch 40 Minuten.
Jetzt bloß keinen Fehler.
Bitte nicht hinten reinstellen.
Warum läuft der Frankfurter da so frei?
Kann bitte jemand die Uhr schneller drehen?
Doch diesmal nicht.
In der 65. Minute kam Alexis Claude-Maurice.
3:1.
Spätestens jetzt begann vermutlich halb Augsburg heimlich nachzuschauen, wie die aktuelle Bundesligatabelle eigentlich aussieht.
Und dann kam die 89. Minute.
Fabian Rieder.
Freistoß.
Tor.
4:1.
In Frankfurt.
Vier zu eins!
Trainer Manuel Baum hielt anschließend selbst fest, wie außergewöhnlich dieser Moment für den Verein ist. Er hatte die mögliche erstmalige Tabellenführung sogar vor dem Spiel als Ziel angesprochen – und machte danach einen Screenshot der Tabelle.
Willkommen im Club, Herr Baum.
Den Screenshot haben wir auch.
Sechs Punkte. Sieben Tore. Platz eins.
Zum Saisonauftakt hatte der FCA bereits Schalke mit 3:0 geschlagen.
Jetzt folgt das 4:1 in Frankfurt.
Zwei Spiele.
Zwei Siege.
Sechs Punkte und 7:1 Tore.
Und damit steht der FC Augsburg nach dem zweiten Spieltag tatsächlich ganz oben.
Natürlich wissen wir, welcher Satz jetzt kommen muss:
„Die Tabelle hat nach zwei Spieltagen noch keine Aussagekraft.“
Ja.
Danke.
Wissen wir.
Interessiert uns heute aber nicht.
Heute wird die Tabelle ausgedruckt
Wir FCA-Fans haben lange genug gelernt, demütig zu sein.
Wir kennen Tabellenrechner.
Wir kennen die Frage: „Wie viele Punkte braucht man eigentlich für den Klassenerhalt?“
Wir wissen, wann Platz 15 mathematisch gesichert ist.
Wir wissen, wie sich ein 1:1 gegen einen direkten Konkurrenten plötzlich wie ein Champions-League-Sieg anfühlen kann.
Deshalb nehmen wir uns jetzt auch das Recht heraus, einmal vollkommen unangemessen auf eine Tabelle nach zwei Spieltagen zu reagieren.
WIR SIND TABELLENFÜHRER!
So.
Musste raus.
Bayern? Hinter uns.
Das ist übrigens eine Information, die man heute ruhig häufiger erwähnen darf.
Beim Frühstück:
„Möchtest du Kaffee?“
„Ja. Augsburg ist übrigens Tabellenführer.“
Im Büro:
„Hast du die Unterlagen schon fertig?“
„Fast. Augsburg ist übrigens Tabellenführer.“
Beim Bäcker:
„Drei Brezen bitte.“
„Sonst noch etwas?“
„Nein. Aber wussten Sie schon, dass Augsburg Tabellenführer ist?“
Wir müssen diesen Moment schließlich angemessen nutzen.
Aber dieser Sieg war mehr als eine schöne Tabellenaufnahme
Bei aller Freude steckt in diesem 4:1 auch etwas sportlich Interessantes.
Der FCA hat nicht einfach ein Spiel gewonnen, in dem von Anfang an alles funktioniert hat.
Ganz im Gegenteil.
Augsburg hatte erhebliche Probleme in der ersten Halbzeit. Frankfurt war überlegen und hätte die Führung ausbauen können. Dahmen verhinderte einen höheren Rückstand.
Und dann kommt diese Mannschaft aus der Kabine und dreht das Spiel.
Nicht irgendwann in der 75. Minute.
Sondern praktisch sofort.
Ibrahimović in der 46.
Fellhauer in der 47.
Das spricht für eine Mannschaft, die sich von einer schwierigen ersten Halbzeit nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Und genau das macht als Fan vielleicht sogar mehr Freude als der Tabellenplatz.
Jetzt bloß nicht anfangen zu rechnen
Natürlich gibt es bereits diese gefährlichen Gedanken.
Sechs Punkte nach zwei Spielen.
Wenn wir das hochrechnen …
Nein!
Sofort aufhören.
Wir rechnen gar nichts hoch.
Keine Meisterschaft.
Keine Champions League.
Keine Europa League.
Noch nicht einmal Conference League.
Wir genießen einfach diesen vollkommen absurden, wunderschönen Moment.
Der FC Augsburg ist Tabellenführer der Bundesliga.
Mehr brauchen wir heute nicht.
Und jetzt kommt Leverkusen
Am kommenden Samstag wartet zu Hause Bayer Leverkusen.
Das ist dann natürlich eine völlig andere Aufgabe.
Und wahrscheinlich wird spätestens dort wieder die Realität versuchen, bei uns anzurufen.
Aber wissen Sie was?
Heute gehen wir nicht ans Telefon.
Heute schauen wir auf die Tabelle.
Ganz langsam.
Von unten nach oben.
Bayern.
Dortmund.
Leverkusen.
Und dann immer weiter.
Bis ganz nach oben.
Da steht:
1. FC Augsburg.
Nein, nicht „1. FC Augsburg“.
Das wäre ja schon wieder ein anderer Verein.
Also noch einmal:
1. – FC Augsburg.
So gefällt es uns.
Ein historischer Moment für den FCA
Seit 2011 spielt Augsburg in der Bundesliga.
Der Verein hat in dieser Zeit einiges erlebt.
Abstiegskämpfe, Trainerwechsel, Überraschungssiege und sogar Europapokal-Abende.
Nur eines hatte es bislang nie gegeben:
Den FC Augsburg als Tabellenführer am Ende eines Bundesliga-Spieltags.
Bis jetzt.
Deshalb dürfen wir für einen Moment sämtliche nüchternen Fußballweisheiten vergessen.
Ja, es sind erst zwei Spieltage.
Ja, die Saison ist noch ewig lang.
Ja, andere Mannschaften haben wahrscheinlich größere Etats und größere Namen.
Alles richtig.
Aber eine Tabelle kennt keine Etats.
Sie kennt Punkte.
Und davon hat Augsburg gerade sechs.
Also, liebe FCA-Fans: Genießt diesen Montag!
Speichert die Tabelle.
Schickt sie euren Freunden.
Druckt sie für den Kühlschrank aus.
Zeigt sie jedem Bayern-Fan, den ihr heute zufällig trefft.
Und sollte jemand sagen:
„Es sind doch erst zwei Spieltage.“
Dann freundlich lächeln und antworten:
„Stimmt. Aber nach diesen zwei Spieltagen seid ihr trotzdem hinter uns.“
Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
Und als Fan des FC Augsburg weiß man schließlich nie, wann man das nächste Mal einen Montag als Tabellenführer erlebt.
Also genießen wir ihn.
Vier Tore in Frankfurt. Sechs Punkte. Platz eins.
Augsburg, du wunderschönes Fußball-Kaff.
Heute gehört die Bundesliga uns.
Zumindest die Tabelle.
Und die reicht uns fürs Erste vollkommen.