So, wie Generationen von Schülern die Welt auf Landkarten kennengelernt haben, stimmen die Größenverhältnisse der Kontinente keineswegs mit der Realität überein. Besonders deutlich wird das bei Afrika.
Die UN-Generalversammlung hat deshalb mit überwältigender Mehrheit eine Resolution unterstützt, die zu einer stärkeren Nutzung flächentreuer Weltkarten aufruft. Statt der weit verbreiteten Mercator-Projektion sollen beispielsweise Darstellungen wie „Equal Earth“ verwendet werden.
Das Abstimmungsergebnis ist bemerkenswert: 164 Staaten stimmten dafür, sechs enthielten sich – nur die Vereinigten Staaten votierten dagegen.
Hinter der Initiative steht Togo, unterstützt von afrikanischen Staaten und der Afrikanischen Union.
Warum Afrika auf vielen Weltkarten zu klein aussieht
Das Problem liegt nicht darin, dass die Mercator-Karte geografisch „falsch“ gezeichnet wäre. Vielmehr lässt sich die kugelförmige Erde grundsätzlich nicht ohne Verzerrungen auf eine flache Fläche übertragen.
Jede Kartenprojektion muss deshalb Kompromisse eingehen.
Bei der Mercator-Projektion werden Flächen zunehmend größer dargestellt, je weiter sie vom Äquator entfernt liegen.
Dadurch erscheinen beispielsweise Grönland, Kanada, Russland und Teile Europas im Verhältnis zu Regionen rund um den Äquator deutlich größer.
Afrika wird dadurch optisch erheblich unterschätzt.
Der Grönland-Vergleich zeigt das Problem
Besonders eindrucksvoll lässt sich die Verzerrung am Vergleich zwischen Afrika und Grönland erkennen.
Auf klassischen Mercator-Weltkarten können beide Landmassen auf den ersten Blick annähernd vergleichbar groß wirken.
In Wirklichkeit ist Afrika jedoch ungefähr 14-mal größer als Grönland.
Afrika besitzt eine Fläche von rund 30 Millionen Quadratkilometern. Grönland kommt dagegen nur auf gut zwei Millionen Quadratkilometer.
Die vertraute Weltkarte vermittelt also einen völlig anderen visuellen Eindruck von den tatsächlichen Größenverhältnissen.
„Equal Earth“ soll Größen realistischer darstellen
Eine Alternative ist die sogenannte Equal-Earth-Projektion.
Sie wurde 2018 von den Kartografen Tom Patterson, Bojan Šavrič und Bernhard Jenny vorgestellt und gehört zu den flächentreuen Kartenprojektionen.
Das Entscheidende dabei: Gleich große Flächen auf der Erde werden auch auf der Karte proportional gleich groß dargestellt.
Afrika bekommt dadurch optisch wesentlich mehr Raum, während Regionen in hohen nördlichen und südlichen Breiten gegenüber einer Mercator-Karte kleiner erscheinen.
Für Betrachter kann das zunächst ungewohnt wirken – gerade weil die Mercator-Darstellung über Generationen das gewohnte Bild der Erde geprägt hat.
Dafür hat auch Equal Earth Nachteile
Eine perfekte zweidimensionale Weltkarte gibt es allerdings nicht.
Was Equal Earth bei den Flächenverhältnissen verbessert, muss an anderer Stelle mit Verzerrungen erkauft werden.
Formen und Winkel lassen sich nicht überall gleichzeitig originalgetreu darstellen.
Deshalb eignet sich eine flächentreue Weltkarte hervorragend, wenn Größenverhältnisse zwischen Staaten und Kontinenten verglichen werden sollen. Für bestimmte Navigationszwecke besitzt dagegen die Mercator-Projektion weiterhin entscheidende Vorteile.
Die UN-Resolution stellt deren Verwendung für Navigation deshalb auch nicht infrage.
Warum Mercator überhaupt so erfolgreich wurde
Die Mercator-Projektion ist fast 460 Jahre alt.
Der flämische Kartograf Gerhard Mercator entwickelte seine berühmte Weltkarte im Jahr 1569 insbesondere mit Blick auf die Seefahrt.
Ihr großer Vorteil: Richtungen und Winkel lassen sich für Navigationszwecke besonders praktisch darstellen.
Für Seeleute war das enorm wertvoll.
Das Problem entstand vielmehr dadurch, dass diese ursprünglich für Navigationszwecke äußerst nützliche Projektion später zu einer der bekanntesten allgemeinen Darstellungen der Welt wurde.
Damit wurden ihre Flächenverzerrungen Bestandteil unseres visuellen Weltbildes.
Die Debatte ist deshalb auch politisch
Für die Unterstützer der UN-Initiative geht es nicht nur um Mathematik und Kartografie.
Sie argumentieren, dass Karten beeinflussen können, wie Menschen die Bedeutung und Größe verschiedener Weltregionen wahrnehmen.
Wenn Europa und Nordamerika auf verbreiteten Karten überproportional groß erscheinen, während Afrika im Verhältnis kleiner wirkt, kann daraus nach Auffassung der Befürworter ein verzerrtes Bild globaler Größenverhältnisse entstehen.
Togos Außenminister Robert Dussey ordnete die Initiative deshalb auch in eine breitere Diskussion über historische und koloniale Wahrnehmungsmuster ein.
Warum stimmten ausgerechnet die USA dagegen?
Die Vereinigten Staaten waren der einzige Staat, der gegen die Resolution votierte.
Nach Berichten über die Abstimmung begründeten die USA ihre Ablehnung damit, dass die Initiative aus ihrer Sicht eine ideologische Agenda verfolge und von wichtigeren internationalen Herausforderungen ablenke.
Die überwältigende Mehrheit der UN-Mitglieder folgte dieser Argumentation nicht.
164 Staaten unterstützten die Resolution.
Müssen Schulen jetzt ihre Weltkarten austauschen?
Nein.
Die Resolution ist nicht rechtsverbindlich. Sie verpflichtet Staaten also nicht dazu, sämtliche Mercator-Karten aus Schulen, Behörden oder Atlanten zu entfernen.
Sie ruft vielmehr Regierungen, Bildungseinrichtungen, Organisationen und andere Akteure dazu auf, stärker auf flächentreue Projektionen wie Equal Earth zurückzugreifen.
Togo will dabei selbst vorangehen und seine geografischen Unterrichtsmaterialien entsprechend überarbeiten.
Langfristig könnte die Initiative aber durchaus dazu führen, dass sich das vertraute Bild der Welt verändert – besonders in Schulen, Medien und digitalen Angeboten.
Auch Google, Apple und andere Kartendienste könnten eine Rolle spielen
Besonders interessant wird die Frage bei digitalen Karten.
Die Initiatoren wollen die Diskussion nicht auf gedruckte Schulatlanten beschränken. Nach Angaben von Reuters sollen auch Gespräche mit Unternehmen aus dem Karten- und Standortbereich geführt werden.
Ob und wie große Technologieunternehmen darauf reagieren, ist damit allerdings noch offen.
Von einer Verpflichtung für bestimmte Anbieter kann derzeit keine Rede sein.
Es geht nicht um die eine „richtige“ Weltkarte
Die Diskussion sollte deshalb nicht auf die einfache Aussage reduziert werden, die Mercator-Karte sei falsch und Equal Earth richtig.
Beide Projektionen lösen unterschiedliche Probleme.
Mercator bewahrt bestimmte Winkel- und Richtungsverhältnisse und besitzt deshalb historische und praktische Bedeutung für Navigation.
Equal Earth legt den Schwerpunkt dagegen darauf, die Flächenverhältnisse der Landmassen korrekt zueinander abzubilden.
Welche Karte besser geeignet ist, hängt also davon ab, was dargestellt werden soll.
Für den geografischen Größenvergleich der Kontinente besitzt eine flächentreue Projektion allerdings einen entscheidenden Vorteil.
Ein vertrautes Weltbild könnte sich verändern
Genau deshalb hat die UN-Entscheidung eine Bedeutung, die weit über Kartografie hinausgeht.
Menschen wachsen mit Karten auf. Sie hängen in Klassenzimmern, stehen in Atlanten, erscheinen in Nachrichtensendungen und prägen unsere Vorstellung davon, wie groß Länder und Kontinente sind.
Die Mercator-Projektion hat dieses Bild über Jahrhunderte geprägt.
Die UN-Generalversammlung möchte nun dafür sorgen, dass dort, wo tatsächliche Flächengrößen vermittelt werden sollen, häufiger andere Projektionen eingesetzt werden.