Eine ungewöhnliche Betrugsmasche sorgt bei Kleinanzeigen für Aufmerksamkeit: Nutzer erhalten Nachrichten von Fremden, die ihnen Geld für ihr Konto anbieten.
Was zunächst wie ein kurioses Kaufangebot wirkt, kann erhebliche Folgen haben.
Denn für Kriminelle ist nicht nur ein gestohlenes Passwort wertvoll. Auch ein ganz legal wirkender, seit Jahren bestehender Kleinanzeigen-Account kann zum Werkzeug für Betrug werden.
Besonders begehrt sind offenbar Konten mit langer Historie und positiven Bewertungen. Sie besitzen etwas, das sich ein Betrüger mit einem frisch angelegten Profil erst mühsam aufbauen müsste:
Vertrauen.
Warum ein altes Kleinanzeigen-Konto für Betrüger Geld wert ist
Wer bei Kleinanzeigen einen hochpreisigen Artikel von einem unbekannten Verkäufer kaufen möchte, schaut häufig auf dessen Profil.
Seit wann existiert das Konto?
Gibt es positive Bewertungen?
Wirkt der Verkäufer erfahren?
Genau diese Vertrauenssignale können Kriminelle ausnutzen.
Kleinanzeigen erklärt, dass ein bereits bestehendes Nutzerkonto eine Historie besitzt, die auf potenzielle Opfer vertrauenswürdig wirken kann.
Ein Betrüger muss damit nicht bei null anfangen.
Statt eines gestern erstellten Accounts ohne Bewertungen kann er plötzlich mit einem Profil auftreten, das möglicherweise seit Jahren aktiv ist.
Für das Opfer sieht der Verkäufer zunächst seriös aus.
Gute Bewertungen werden damit selbst zum Angriffsziel
Das macht die Masche besonders perfide.
Ein Nutzer hat sich möglicherweise über Jahre einen guten Ruf aufgebaut, Artikel zuverlässig verkauft und positive Bewertungen gesammelt.
Genau dieser gute Ruf kann für einen Kriminellen einen wirtschaftlichen Wert besitzen.
Nach der Übernahme könnte das Profil beispielsweise genutzt werden, um attraktive Produkte anzubieten, die überhaupt nicht existieren.
Interessenten sehen die positive Historie und sind dadurch möglicherweise eher bereit, Geld zu überweisen.
Die Reputation des ursprünglichen Kontoinhabers wird damit zur Grundlage eines neuen Betrugs.
Auch neue Konten können interessant sein
Doch nicht nur zehn Jahre alte Profile sind betroffen.
Nach Angaben von Kleinanzeigen können auch neuere Accounts für Kriminelle interessant sein.
Ein Grund können bereits durchgeführte Verifizierungen sein, beispielsweise über eine Telefonnummer.
Der Betrüger übernimmt dann nicht nur einen Benutzernamen und ein Passwort, sondern möglicherweise einen Account, bei dem bestimmte Hürden bereits genommen wurden.
Auch ein relativ junges Konto sollte deshalb niemals verkauft oder weitergegeben werden.
So läuft der Warenbetrug anschließend ab
Hat ein Krimineller Zugriff auf ein vertrauenswürdig wirkendes Profil, kann er damit Waren anbieten.
Besonders gefährlich wird es, wenn anschließend auf unsichere Zahlungsmethoden gedrängt wird.
Kleinanzeigen nennt ausdrücklich Zahlungen über „PayPal Freunde & Familie“ als Beispiel.
Der vermeintliche Verkäufer kassiert das Geld – die angebotene Ware wird anschließend nicht verschickt.
Für das Opfer ist die Situation besonders tückisch, weil das Profil möglicherweise völlig unauffällig aussieht.
Es kann bereits lange existieren und positive Bewertungen besitzen.
Genau deshalb gilt: Eine gute Kontohistorie ist ein positives Signal, aber niemals ein Beweis dafür, dass der aktuelle Nutzer des Accounts tatsächlich vertrauenswürdig ist.
Übernommene Konten werden auch für Phishing genutzt
Der Missbrauch beschränkt sich nicht auf gefälschte Verkaufsanzeigen.
Übernommene Accounts können auch für Phishing-Angriffe eingesetzt werden.
Dabei schicken Kriminelle ihren Opfern Links zu gefälschten Internetseiten.
Diese können bekannte Zahlungsdienste oder sogar die Kleinanzeigen-Funktion „Sicher bezahlen“ imitieren.
Das Opfer glaubt, sich auf einer legitimen Zahlungsseite zu befinden und gibt dort möglicherweise Bank-, Karten- oder andere Zahlungsinformationen ein.
Tatsächlich landen die Daten bei den Betrügern.
Die Masche kombiniert damit zwei Vertrauensebenen:
Ein scheinbar seriöses Kleinanzeigen-Profil und eine täuschend echt aussehende Zahlungsseite.
„Sicher bezahlen“: Nicht auf Links in Nachrichten verlassen
Gerade deshalb gibt Kleinanzeigen eine wichtige Empfehlung:
Für „Sicher bezahlen“ sollten Nutzer niemals Links anklicken, die ihnen über den Chat oder per E-Mail zugeschickt werden.
Zusätzlich sollten Internetadresse und Absender kontrolliert werden.
Die Plattform weist darauf hin, dass offizielle Nachrichten ausschließlich von der Domain kleinanzeigen.de stammen.
Die wichtigste Regel ist deshalb simpel:
Ein Verkäufer oder Käufer, der einen externen Link schickt und behauptet, dieser müsse für die Bezahlung, Auszahlung oder Bestätigung geöffnet werden, sollte grundsätzlich Misstrauen auslösen.
Kleinanzeigen erkennt ungewöhnliche Kontoaktivitäten
Die Plattform versucht nach eigenen Angaben, auffällige Aktivitäten zu erkennen.
Zu den möglichen Signalen gehören beispielsweise Änderungen der IP-Adresse, ein Wechsel der hinterlegten E-Mail-Adresse oder das massenhafte Anschreiben anderer Nutzer innerhalb kurzer Zeit.
Dabei ist ein einzelnes Merkmal noch kein Betrugsbeweis.
Ein Nutzer kann schließlich ganz legitim seine E-Mail-Adresse ändern oder sich von einem anderen Ort einloggen.
Erst die Kombination verschiedener Auffälligkeiten kann ein verdächtiges Muster ergeben.
Das zeigt zugleich, warum die Bekämpfung übernommener Accounts schwierig ist: Betrüger nutzen zunächst ein echtes, zuvor unauffälliges Konto.
Wer sein Konto verkauft, kann selbst Probleme bekommen
Für den ursprünglichen Besitzer endet das Risiko nicht unbedingt mit der Übergabe des Passworts.
Wird das Konto anschließend für Betrug verwendet, können Ermittlungen zunächst zu dem ursprünglich registrierten Account führen.
Welche persönlichen Informationen der neue Nutzer verändert und welche er beibehält, hängt vom Einzelfall ab.
Damit besteht für den Verkäufer das Risiko, zumindest zunächst mit Straftaten in Verbindung gebracht zu werden, die andere über sein ehemaliges Konto begangen haben.
Allein das sollte Grund genug sein, ein Nutzerkonto niemals an Fremde weiterzugeben.
Der Verkauf ist ohnehin verboten
Hinzu kommt ein weiterer Punkt:
Kleinanzeigen erlaubt den Verkauf beziehungsweise die Übertragung eines Nutzerkontos nicht.
Nach Angaben des Unternehmens stellen die Nutzungsbedingungen ausdrücklich klar, dass Accounts nicht übertragbar sind.
Wer ein scheinbar attraktives Angebot für sein altes Profil erhält, riskiert deshalb nicht nur Sicherheitsprobleme.
Er verstößt mit der Weitergabe auch gegen die Regeln der Plattform.
Noch häufiger werden Konten einfach gestohlen
Interessanterweise hält Kleinanzeigen gekaufte Accounts offenbar nicht einmal für das größte Problem.
Bedeutender seien sogenannte Account-Takeover-Angriffe.
Dabei überzeugen Kriminelle den Besitzer nicht davon, sein Konto freiwillig zu verkaufen, sondern übernehmen es mit gestohlenen Zugangsdaten.
Diese können beispielsweise aus Phishing-Angriffen, Datenlecks oder schlecht gewählten Passwörtern stammen.
Aus Sicht der Täter hat das einen offensichtlichen Vorteil:
Warum für ein bestehendes Konto bezahlen, wenn sich ein fremder Account auch übernehmen lässt?
Ein Passwort für mehrere Dienste erhöht das Risiko
Genau deshalb empfiehlt Kleinanzeigen unterschiedliche und starke Passwörter für das Kleinanzeigen-Konto und das dazugehörige E-Mail-Konto.
Das ist besonders wichtig.
Wird beispielsweise dasselbe Passwort für mehrere Dienste verwendet und taucht es nach einem Datenleck im Internet auf, können Kriminelle versuchen, sich damit auch bei anderen Plattformen anzumelden.
Noch kritischer wäre der Zugriff auf das E-Mail-Konto.
Denn darüber lassen sich bei vielen Diensten Passwörter zurücksetzen und weitere Konten übernehmen.
Ein kompromittiertes E-Mail-Postfach kann deshalb wesentlich größere Folgen haben als der Verlust eines einzelnen Kleinanzeigen-Accounts.
Die wichtigste Warnung für Käufer: Bewertungen allein reichen nicht
Die neue Masche verändert auch die Perspektive von Käufern.
Viele Menschen verlassen sich auf die Historie eines Profils.
Ein Konto existiert seit acht Jahren und besitzt hervorragende Bewertungen?
Das ist grundsätzlich besser als ein völlig unbekanntes Profil.
Aber es ist keine Garantie.
Wenn Accounts verkauft oder gestohlen werden können, gehört die Reputation möglicherweise noch zum ursprünglichen Besitzer – während hinter dem Bildschirm längst jemand anderes sitzt.
Deshalb sollten auch bei alten Accounts Warnsignale ernst genommen werden.
Dazu gehören insbesondere ungewöhnlicher Zeitdruck, auffällig günstige Angebote, das Beharren auf unsicheren Zahlungswegen und Links zu angeblichen Zahlungs- oder Bestätigungsseiten.
Was Nutzer jetzt beachten sollten
Wer eine Nachricht erhält, in der jemand das eigene Kleinanzeigen-Konto kaufen möchte, sollte nicht auf das Angebot eingehen.
Kleinanzeigen empfiehlt, entsprechende Anfragen zu ignorieren und den Kontakt im Zweifel zu melden.
Darüber hinaus sind vor allem vier Schutzmaßnahmen sinnvoll: unterschiedliche starke Passwörter für Kleinanzeigen und das E-Mail-Konto verwenden, nur abgesicherte Zahlungsmethoden nutzen, keine zugeschickten Links für „Sicher bezahlen“ öffnen und Absender sowie Internetadresse sorgfältig kontrollieren.
Damit schützt man nicht nur das eigene Geld.
Man verhindert auch, dass das über Jahre aufgebaute Vertrauen des eigenen Profils gegen andere Nutzer eingesetzt wird.