Die Bundesregierung kündigt für 2027 und 2028 eine große Steuerentlastung an. Familien sowie Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen sollen mehr Geld behalten können.
Doch bei genauerem Hinsehen sorgt die geplante Steuerreform für erheblichen Ärger. Denn während auf der einen Seite Entlastungen versprochen werden, soll auf der anderen Seite die sogenannte kalte Progression nicht vollständig ausgeglichen werden.
Für Arbeitnehmer kann das bedeuten: Sie bekommen mehr Lohn, sind dadurch aber real keinen Cent reicher – und müssen trotzdem mehr Steuern zahlen.
Kein Wunder also, wenn bei vielen Steuerzahlern der Eindruck entsteht: Hier wird uns eine Entlastung verkauft, während der Staat gleichzeitig an anderer Stelle wieder mehr kassiert.
Das Problem ist eigentlich ganz einfach
Die kalte Progression klingt kompliziert, lässt sich aber leicht erklären.
Angenommen, ein Arbeitnehmer verdient 3.000 Euro im Monat. Wegen der Inflation steigen Lebensmittel, Strom, Versicherungen, Dienstleistungen und andere Lebenshaltungskosten deutlich.
Sein Arbeitgeber erhöht deshalb das Gehalt beispielsweise um vier Prozent auf 3.120 Euro.
Auf dem Papier verdient der Arbeitnehmer jetzt 120 Euro mehr.
Sind die Preise aber ebenfalls um vier Prozent gestiegen, kann er sich von seinem höheren Einkommen praktisch nicht mehr leisten als vorher.
Trotzdem kann seine Steuerbelastung steigen.
Das Ergebnis:
Mehr Bruttolohn, höhere Preise und möglicherweise höhere Steuern – aber kaum mehr Kaufkraft.
Warum spricht man von einer „heimlichen Steuererhöhung“?
Das Einkommensteuersystem ist so aufgebaut, dass mit zunehmendem Einkommen grundsätzlich auch die steuerliche Belastung steigt.
Normalerweise können die Grenzen des Steuertarifs an die Inflation angepasst werden. Dadurch soll verhindert werden, dass Arbeitnehmer allein wegen eines Inflationsausgleichs steuerlich stärker belastet werden.
Genau dieser Ausgleich soll nach den derzeitigen Plänen aber nicht vollständig erfolgen.
Der Staat profitiert damit von steigenden Einkommen, selbst wenn diese Einkommen nur deshalb steigen, weil das Leben teurer geworden ist.
Deshalb sprechen Kritiker von einer „heimlichen Steuererhöhung“.
Erst Entlastung versprechen – und einen Teil wieder wegnehmen?
Genau hier liegt der politische Sprengstoff.
Die Bundesregierung plant durchaus Verbesserungen für Steuerzahler.
| Geplante Änderung | 2027 | 2028 |
|---|---|---|
| Grundfreibetrag | 12.564 € | 12.900 € |
| Kindergeld je Kind und Monat | 267 € | 272 € |
| Arbeitnehmer-Pauschbetrag | 1.430 € | 1.430 € |
| Reichensteuer | 45 % ab 250.000 € | 45 % ab 250.000 € |
| Neuer Steuersatz für sehr hohe Einkommen | 47 % ab 280.000 € | 47 % ab 280.000 € |
Eine Familie mit zwei Kindern und mittlerem Einkommen soll nach den bisherigen Plänen ab 2028 mehr als 600 Euro im Jahr zusätzlich zur Verfügung haben.
Das klingt zunächst nach einer ordentlichen Entlastung.
Doch 600 Euro im Jahr entsprechen etwas mehr als 50 Euro im Monat.
Wenn gleichzeitig Lebensmittel, Energie, Versicherungen, Dienstleistungen und andere Kosten steigen und die kalte Progression nicht vollständig ausgeglichen wird, stellt sich die entscheidende Frage:
Wie viel von der angekündigten Entlastung kommt tatsächlich im Geldbeutel an?
Der Arbeitnehmer ist nicht reicher geworden
Das ist der Punkt, der viele Menschen ärgern dürfte.
Wer fünf Prozent mehr Gehalt bekommt, während seine Lebenshaltungskosten ebenfalls um fünf Prozent steigen, hat real keinen großen Wohlstandsgewinn erzielt.
Sein Gehaltszettel zeigt zwar eine höhere Zahl.
Seine Kaufkraft ist aber kaum gestiegen.
Wenn der Staat dieses höhere Einkommen trotzdem stärker besteuert, entsteht eine zusätzliche Belastung.
Der Arbeitnehmer könnte sich deshalb zu Recht fragen:
Warum soll ich mehr Steuern zahlen, wenn ich mir von meinem höheren Lohn gar nicht mehr leisten kann?
Deshalb entsteht der Eindruck von „Abzocke“
Juristisch ist „Abzocke“ dafür nicht der richtige Begriff. Es handelt sich nicht um einen Betrug oder eine unrechtmäßige Steuer.
Politisch und umgangssprachlich ist aber nachvollziehbar, warum Bürger die Entwicklung so empfinden.
Denn das Prinzip wirkt widersprüchlich:
Die Regierung verspricht Entlastung.
Die Löhne steigen wegen der Inflation.
Die Bürger sind real kaum wohlhabender.
Trotzdem kann der Staat über die Einkommensteuer zusätzliche Einnahmen erzielen.
Für den einzelnen Arbeitnehmer zählt am Ende nicht, wie viele Milliarden Euro Entlastung die Bundesregierung verkündet.
Er schaut auf sein Konto und fragt: Was bleibt mir tatsächlich übrig?
Noch kann der Bundestag die Pläne ändern
Die Steuerreform ist noch nicht endgültig beschlossen. Der Gesetzentwurf muss durch das parlamentarische Verfahren. Dort können die Abgeordneten Änderungen verlangen.
Gerade aus CDU und CSU gibt es bereits Widerstand gegen die steuerlichen Pläne.
Damit besteht noch die Möglichkeit, beim Ausgleich der kalten Progression nachzubessern.
Denn eine Steuerentlastung verdient diesen Namen nur dann, wenn sie beim Bürger auch tatsächlich ankommt.
Wer lediglich wegen der Inflation mehr Lohn erhält, ist nicht automatisch reicher geworden. Wenn der Staat trotzdem stärker zugreift, darf er sich nicht wundern, wenn Steuerzahler das Gefühl bekommen, abgezockt zu werden.