Manchmal fragt man sich bei England, ob die Three Lions eigentlich Fußball spielen oder ihre Fans auf eine emotionale Belastungsprobe schicken wollen. Auch gegen Norwegen war wieder alles dabei: Ballbesitz, Geduld, Frust, Hoffnung – und am Ende natürlich Jude Bellingham.
Die Engländer machten zunächst das, was sie inzwischen fast perfektioniert haben: Sie kontrollierten den Ball, kontrollierten das Spiel – und kontrollierten vor allem das Tempo. Leider bewegte sich dieses irgendwo zwischen Sonntagsspaziergang und britischer Teepause. Viel Ballbesitz, viele Pässe, aber kaum echte Gefahr. Norwegen verteidigte diszipliniert und wartete geduldig auf seine Chance.
Und dann passierte genau das, was bei einer englischen Fußballgeschichte fast schon dazugehört: Ausgerechnet Norwegen schlug zu. Schjelderup brachte die Skandinavier mit ihrer ersten richtig gefährlichen Aktion in Führung. Plötzlich war es mucksmäuschenstill im englischen Lager.
Doch England besitzt inzwischen einen Mann, der offenbar immer dann auftaucht, wenn es richtig brennt: Jude Bellingham. Kurz vor der Pause sorgte der Mittelfeldstar mit dem Ausgleich dafür, dass die englischen Hoffnungen nicht schon nach 45 Minuten begraben werden mussten.
Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild. Norwegen spielte mutiger, England wirkte längst nicht mehr so überlegen, und plötzlich entwickelte sich ein echtes Viertelfinale auf Augenhöhe. Beide Mannschaften schenkten sich nichts, doch das entscheidende Tor wollte einfach nicht fallen. Also musste die Verlängerung her – ganz zur Freude der Neutralen und zum Leidwesen der Herzpatienten auf beiden Seiten.
Dort war es dann wieder Bellingham, der den Unterschied machte. Wobei man fairerweise sagen muss: Norwegens Torhüter Nyland, bis dahin nahezu fehlerfrei, half kräftig mit. Einen Fernschuss ließ er unglücklich nach vorne abprallen – und Bellingham sagte höflich Danke. 2:1. Halbfinale.
England gewinnt also erneut nicht glanzvoll, aber effizient. Die Three Lions erinnern bei dieser Weltmeisterschaft zunehmend an eine Mannschaft, die nie spektakulär wirkt, aber trotzdem einfach nicht nach Hause fahren möchte. Titelkandidaten spielen manchmal schön – England spielt derzeit vor allem erfolgreich.
Jetzt wartet im Halbfinale Argentinien oder die Schweiz. Ganz gleich, wer kommt: Wenn Jude Bellingham weiter in dieser Form auftritt, sollten sich die kommenden Gegner besser warm anziehen. Denn England mag zwar nicht immer begeistern – aber unterschätzen sollte man diese Löwen ganz sicher nicht.