Mit den steigenden Temperaturen zieht es wieder Tausende Menschen an Bayerns Seen, Flüsse und Badestellen. Doch die Badesaison bringt nicht nur Erholung und Abkühlung, sondern jedes Jahr auch zahlreiche tragische Unglücke mit sich. Besonders auffällig: Die überwiegende Mehrheit der Todesopfer sind Männer. Nach Angaben des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) sind bis Ende Juni 2026 in Bayern bereits mindestens 24 Menschen beim Baden ums Leben gekommen. 23 der Opfer waren Männer – ein Muster, das sich seit Jahren wiederholt.
Vor allem junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren gelten nach Einschätzung der Wasserrettungsorganisationen als besonders gefährdet. Allein zwölf der bislang registrierten Badetoten gehörten dieser Altersgruppe an. Für die Wasserwacht ist die Ursache klar: Viele überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und unterschätzen gleichzeitig die Gefahren, die von natürlichen Gewässern ausgehen.
„Ein See ist kein Freibad“, betont Claire Kolodinski vom Bayerischen Roten Kreuz. Anders als in überwachten Schwimmbädern verändern sich in Seen und Flüssen Strömungen, Wassertiefen und Temperaturen ständig. Kaltes Wasser kann den Kreislauf belasten, starke Strömungen erschweren das Schwimmen und plötzlich abfallende Ufer können selbst geübte Schwimmer überraschen. Hinzu kommen Faktoren wie Alkohol, Übermut oder körperliche Erschöpfung, die das Unfallrisiko zusätzlich erhöhen.
Dass Männer häufiger gefährliche Situationen eingehen, wird auch durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt. Die Psychologin Loreen Tisdall von der Universität Basel beschäftigt sich mit der Erforschung menschlicher Risikobereitschaft. Ihren Erkenntnissen zufolge zeigen zahlreiche Studien, dass Männer im Durchschnitt häufiger bereit sind, Risiken einzugehen als Frauen – insbesondere in Bereichen wie Gesundheit, Freizeit und Finanzen.
Nach Angaben der Forscherin bewerten Männer die Wahrscheinlichkeit negativer Folgen oft geringer als Frauen. Gleichzeitig schätzen sie den möglichen Nutzen einer riskanten Handlung höher ein. Wer beispielsweise von einer Brücke in einen See springt oder trotz starker Strömung schwimmen geht, konzentriert sich häufig stärker auf das Erlebnis als auf die möglichen Gefahren.
Besonders ausgeprägt sei dieses Verhalten bei jungen Männern. Neben individuellen Persönlichkeitsmerkmalen spielten dabei auch gesellschaftliche Erwartungen eine wichtige Rolle. Risikobereitschaft könne als Zeichen von Stärke, Mut oder Selbstbewusstsein verstanden werden. Gerade innerhalb von Freundesgruppen entstehe mitunter ein sozialer Druck, sich besonders mutig zu zeigen oder spektakuläre Aktionen mitzumachen. Solche Dynamiken könnten dazu führen, dass Warnsignale ignoriert oder Risiken bewusst in Kauf genommen werden.
Gleichzeitig warnt die Psychologin davor, aus den Forschungsergebnissen pauschale Schlüsse zu ziehen. Nicht jeder Mann verhält sich risikofreudig, ebenso wenig sind Frauen grundsätzlich vorsichtiger. Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen betrachten große Bevölkerungsgruppen und beschreiben Durchschnittswerte. Das Verhalten einzelner Menschen lasse sich dadurch nicht vollständig erklären. Unterschiedliche Erfahrungen, die Persönlichkeit und die jeweilige Situation beeinflussen Entscheidungen ebenfalls maßgeblich.
Für die Wasserrettungsorganisationen steht deshalb vor allem Prävention im Mittelpunkt. Sie raten Badegästen, nur an ausgewiesenen Badestellen ins Wasser zu gehen, Warnhinweise ernst zu nehmen und die eigenen körperlichen Grenzen realistisch einzuschätzen. Auf Alkohol vor oder während des Badens sollte verzichtet werden. Zudem empfiehlt das BRK, niemals allein zu schwimmen und sich nach längeren Aufenthalten in der Sonne langsam an das kalte Wasser zu gewöhnen, um Kreislaufprobleme zu vermeiden.
Die aktuelle Bilanz zeigt, wie schnell aus einem Sommertag am Wasser ein tragisches Unglück werden kann. Mit umsichtigem Verhalten, gegenseitiger Rücksichtnahme und einer realistischen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten lassen sich viele Badeunfälle verhindern. Wasserretter appellieren deshalb an alle Badegäste, Sicherheit stets über Abenteuerlust zu stellen – denn oft entscheiden wenige Sekunden über Leben und Tod.