Im Birkenstock-Werk im mecklenburg-vorpommerschen Pasewalk erheben zahlreiche Beschäftigte schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber. Eine Recherche des NDR zeichnet das Bild eines Arbeitsumfelds, das von starkem Leistungsdruck, mangelhafter Fürsorge und mutmaßlichen Verstößen gegen Arbeitsschutzregeln geprägt sein soll. Betroffen sind vor allem polnische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die täglich aus dem benachbarten Stettin zur Arbeit pendeln.
Berichte über psychischen Druck und Übergriffe
Mehrere ehemalige und aktuelle Beschäftigte schildern, dass sie im Arbeitsalltag massiv unter Druck gestanden hätten. Eine frühere Mitarbeiterin berichtet, ihr sei über Stunden hinweg der Gang zur Toilette untersagt worden. Zudem erhebt sie den schweren Vorwurf, im Januar 2025 von einem Teamleiter geschlagen worden zu sein. Nach ihren Angaben sei der Vorfall intern nicht ernsthaft aufgearbeitet worden. Die psychischen Folgen seien gravierend gewesen – sie befinde sich bis heute in therapeutischer Behandlung.
Birkenstock weist diese Darstellung zurück. Das Unternehmen spricht von einer unbeabsichtigten Berührung im Rahmen einer Arbeitsanweisung und verweist auf Zeugenaussagen, die keine Verletzungen festgestellt hätten. Der betreffende Teamleiter habe das Unternehmen später aus anderen Gründen verlassen.
Mobbing-Vorwürfe und intime Offenlegungen
Auch andere Beschäftigte berichten von Mobbing und entwürdigenden Praktiken. Eine Mitarbeiterin schildert, sie habe Toilettengänge dokumentieren müssen und sei sogar gezwungen worden, ihre Periode offen zu thematisieren. Nachdem sie sich an die Unternehmensleitung gewandt habe, sei ihr Arbeitsvertrag nicht verlängert worden. Birkenstock bestreitet diese Vorwürfe ausdrücklich und erklärt, es gebe keinerlei Anweisungen zur Dokumentation von Toilettenpausen oder zur Offenlegung persönlicher Gesundheitsdaten.
Gesundheitsgefahren durch Chemikalien?
Besonders alarmierend sind Berichte aus der maschinellen Produktion von Kunststoffsandalen. Dort soll regelmäßig ein Trennmittel eingesetzt worden sein, das chemische Dämpfe freisetzt. Eine Beschäftigte klagt über anhaltende gesundheitliche Beschwerden wie Reizhusten, Kopfschmerzen und Schwindel. Ein Arzt habe einen Zusammenhang mit chemischen Belastungen festgestellt.
In einer anonymen Beschwerde an das Landesamt für Gesundheit und Soziales wird kritisiert, dass das eingesetzte Mittel ohne ausreichende Belüftung oder Atemschutz verwendet worden sei. Fachleute weisen darauf hin, dass solche Stoffe nur in gut belüfteten Räumen eingesetzt werden dürfen und eine dauerhafte Inhalation gesundheitsschädlich sein kann.
Offene Fragen und laufende Prüfungen
Die Vorwürfe werfen Fragen nach der Verantwortung des Unternehmens und der Kontrolle durch Aufsichtsbehörden auf. Während Birkenstock viele der Anschuldigungen zurückweist, fordern Arbeitnehmervertretungen und Beobachter eine gründliche Aufklärung. Ob und welche Konsequenzen sich aus den geschilderten Missständen ergeben, bleibt vorerst offen. Klar ist jedoch: Die Berichte aus Pasewalk haben eine Debatte über Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz und den Umgang mit ausländischen Beschäftigten neu entfacht.