In den letzten eineinhalb Jahren hat sich die Art und Weise, wie Todesurteile in den USA vollstreckt werden, grundlegend verändert. Während zwischen 2021 und 2023 noch 100 % der Exekutionen per Giftspritze durchgeführt wurden, kommen inzwischen wieder längst abgeschaffte Methoden wie der elektrische Stuhl, Erschießungskommandos und neu: Stickstoffhypoxie zum Einsatz. Florida geht sogar noch weiter – ein neues Gesetz könnte nahezu jede Form der Hinrichtung erlauben.
Laut Daten der Cornell University ist die USA damit eines von nur vier Ländern weltweit – neben Nigeria, Iran und Sudan –, in denen mehr als drei offizielle Hinrichtungsmethoden parallel erlaubt sind.
Rückkehr zu alten Methoden: Ein „historisch neuartiger“ Trend
Seit Januar 2024 wurden in den USA 44 Menschen hingerichtet. Sieben dieser Exekutionen (16 %) erfolgten nicht per Giftspritze – eine drastische Veränderung im Vergleich zu den Vorjahren.
„Die Rückkehr zu diesen alten Methoden ist historisch neu für die USA“, sagt Frank Baumgartner, Professor für Politikwissenschaft an der University of North Carolina.
Der Grund für diesen Trend: Der Zugang zu den für die Giftspritze nötigen Medikamenten wird schwieriger, teils wegen Boykotts durch Hersteller, teils wegen juristischer Auseinandersetzungen. Gleichzeitig hat der konservativ geprägte Supreme Court – mit drei von Donald Trump ernannten Richtern – den Bundesstaaten mehr Spielraum gegeben, alternative Methoden zuzulassen.
Überblick über die derzeit eingesetzten Methoden:
1. Erschießungskommandos:
Zuletzt wurden in South Carolina zwei Männer – Brad Keith Sigmon und Mikal Mahdi – von einem Erschießungskommando hingerichtet. Mahdi erlitt dabei mutmaßlich einen qualvollen Tod, da nur zwei der drei Kugeln trafen. Seine Anwälte sprechen von „bewussten Schmerzen und Todeskampf über eine Minute hinweg“. Die Methode ist auch in Mississippi, Utah, Oklahoma und Idaho legal – Idaho will sie ab 2026 sogar als Standard einführen.
2. Stickstoffhypoxie:
Alabama führte im Januar 2024 erstmals eine Hinrichtung durch, bei der dem Verurteilten mittels Maske reiner Stickstoff verabreicht wurde, bis er erstickte. Seitdem kam die Methode dort mehrfach zum Einsatz, auch Louisiana hat sie eingeführt. Kritiker – darunter Holocaust-Überlebende und jüdische Organisationen – verurteilen die Methode als unmenschlich und geschichtsvergessen.
3. Elektrischer Stuhl:
Der elektrische Stuhl ist weiterhin in mehreren Bundesstaaten zugelassen, obwohl seine Anwendung in den letzten Jahren selten war. Auch diese Methode sorgt regelmäßig für ethische und medizinische Debatten über ihre Grausamkeit.
Neue Gesetze mit drastischem Potenzial: Der Fall Florida
Besonders kontrovers ist das neue Gesetz in Florida, unterzeichnet von Gouverneur Ron DeSantis. Es erlaubt künftig alle Hinrichtungsarten, „sofern sie nicht explizit als verfassungswidrig gelten“. Da der US-Supreme Court bislang keine Methode offiziell verboten hat, könnten darunter theoretisch sogar Steinigungen oder Enthauptungen fallen.
Robin Maher vom Death Penalty Information Center warnt: „Dieses Gesetz ist extrem gefährlich. Es öffnet die Tür zu Hinrichtungsformen, die man bisher nur aus den dunkelsten Kapiteln der Geschichte kennt.“
Ein Rückschritt statt Fortschritt?
Historisch gesehen versuchten moderne Gesellschaften, Hinrichtungsverfahren zumindest weniger qualvoll zu gestalten. Der aktuelle Rückgriff auf alte und umstrittene Methoden scheint diese Entwicklung umzukehren. Baumgartner fasst es so zusammen:
„Wir haben nie zurückgeschaut – bis jetzt. Statt Fortschritt erleben wir eine Rückkehr zur staatlich legitimierten Grausamkeit.“