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Pflege im Ausland: Sieben Ideen, von denen Deutschland lernen könnte

MarkThomas (CC0), Pixabay

Pflegebedürftig zu werden bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch rund um die Uhr versorgt werden muss.

Manchmal beginnt es mit ganz alltäglichen Dingen: Einkaufen wird schwieriger, Treppensteigen funktioniert nicht mehr, Medikamente müssen regelmäßig genommen werden oder beim Anziehen wird Unterstützung benötigt.

Genau in dieser Phase entscheidet sich häufig, wie lange ein selbstständiges Leben möglich bleibt.

Zu Hause oder Pflegeheim – dazwischen fehlt es an Angeboten

Deutschland verfügt über Pflegeheime, ambulante Pflegedienste, Tages- und Kurzzeitpflege sowie unterschiedliche Formen des betreuten Wohnens.

Trotzdem erleben Betroffene und Angehörige die Versorgung häufig nicht als durchgängiges System.

Vor allem zwischen einem weitgehend selbstständigen Leben zu Hause und einer stationären Unterbringung können Versorgungslücken entstehen.

Wer organisiert beispielsweise den Einkauf, begleitet zum Arzt, kümmert sich um den Haushalt oder hilft morgens und abends?

Sind keine Angehörigen vorhanden oder wohnen diese weit entfernt, wird die Situation besonders schwierig.

Pflege ist mehr als Waschen, Essen und Medikamente

Ein Mensch kann körperlich ausreichend versorgt sein und trotzdem an Lebensqualität verlieren.

Denn ein gutes Leben besteht nicht nur aus medizinischer Versorgung und Körperpflege.

Menschen brauchen soziale Kontakte, Bewegung, Aufgaben und vor allem das Gefühl, weiterhin selbst über ihr Leben entscheiden zu können.

Genau hier setzen verschiedene internationale Pflegekonzepte an.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur:

„Welche Pflege benötigt dieser Mensch?“

Sondern:

„Welche Unterstützung benötigt dieser Mensch, damit er möglichst lange sein eigenes Leben führen kann?“

Sieben Ideen für eine andere Pflege

Andere Länder und internationale Pflegekonzepte zeigen Ansätze, die auch für Deutschland interessant sein können.

1. Unterstützung beginnt früher

Hilfe sollte nicht erst einsetzen, wenn ein Mensch seinen Alltag überhaupt nicht mehr bewältigen kann.

Bereits kleinere Unterstützungsangebote können entscheidend sein.

Haushaltshilfen, Fahrdienste, Unterstützung beim Einkaufen oder regelmäßige soziale Kontakte können dazu beitragen, die Selbstständigkeit länger zu erhalten.

Das Prinzip lautet:

Unterstützen, bevor umfassende Pflege notwendig wird.

2. Pflege gehört ins Wohnviertel

Pflege muss nicht zwangsläufig in einer großen Einrichtung stattfinden.

Eine Alternative sind quartiersbezogene Strukturen.

Pflegebedürftige Menschen können weiterhin in einer möglichst normalen Wohnumgebung leben. Pflege, medizinische Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten und soziale Angebote befinden sich möglichst in erreichbarer Nähe.

Das Wohnviertel wird damit selbst Teil der Versorgung.

3. Kleinere Wohnformen statt großer Einrichtungen

Große Pflegeheime können professionell und effizient organisiert werden.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass organisatorische Abläufe stärker den Tagesablauf bestimmen als die individuellen Wünsche der Bewohner.

Kleinere Wohngruppen können stärker an einen normalen Haushalt erinnern.

Die Bewohner haben eigene Rückzugsmöglichkeiten und erhalten Unterstützung dort, wo sie tatsächlich benötigt wird.

4. Selbstständigkeit erhalten

Pflege sollte Menschen nicht automatisch Tätigkeiten abnehmen, die sie noch selbst erledigen können.

Wer sich beispielsweise noch selbst anziehen, Essen vorbereiten oder kleinere Aufgaben im Haushalt übernehmen kann, sollte dabei unterstützt werden.

Das kann für Pflegekräfte zunächst mehr Zeit bedeuten.

Langfristig kann es jedoch helfen, Fähigkeiten und Selbstständigkeit länger zu erhalten.

5. Pflegebedürftige bleiben Teil der Gesellschaft

Pflegeeinrichtungen sollten keine abgeschlossenen Welten sein.

Cafés, Vereine, Nachbarschaften, Schulen, Kindergärten und freiwillig Engagierte können Begegnungen ermöglichen.

Dadurch bleiben ältere und pflegebedürftige Menschen stärker in das gesellschaftliche Leben eingebunden.

Sie sind dann nicht ausschließlich Empfänger von Pflegeleistungen, sondern weiterhin Bewohner ihres Stadtteils und Mitglieder einer Gemeinschaft.

6. Angehörige müssen entlastet werden

Ein großer Teil der Pflege in Deutschland funktioniert nur deshalb, weil Angehörige erhebliche Aufgaben übernehmen.

Doch Familienstrukturen verändern sich.

Kinder wohnen häufig nicht mehr am selben Ort wie ihre Eltern. Immer mehr Menschen leben allein oder können nicht auf ein familiäres Unterstützungsnetz zurückgreifen.

Ein zukunftsfähiges Pflegesystem darf deshalb nicht selbstverständlich voraussetzen, dass immer ein Familienmitglied zur Verfügung steht.

7. Selbstbestimmung muss erhalten bleiben

Selbstbestimmung endet nicht mit einem Pflegegrad.

Wann möchte jemand aufstehen?

Was möchte er essen?

Wann möchte er schlafen?

Welche Kleidung möchte er tragen?

Möchte er spazieren gehen oder lieber allein sein?

In stark durchorganisierten Einrichtungen können solche alltäglichen Entscheidungen schnell eingeschränkt werden.

Dabei gehören gerade diese kleinen Entscheidungen zu einem selbstbestimmten Leben.

Das Problem großer Pflegeeinrichtungen

Die Kritik an klassischen Pflegeheimen richtet sich nicht grundsätzlich gegen die dort Beschäftigten.

Viele Pflegekräfte leisten unter schwierigen Bedingungen wichtige Arbeit.

Problematisch kann vielmehr die Struktur großer Einrichtungen werden.

Wohnen, Essen, Pflege, Freizeit und soziale Kontakte finden am selben Ort statt. Gleichzeitig müssen Dienstpläne, Mahlzeiten, Medikamentengaben und zahlreiche weitere Abläufe organisiert werden.

Je stärker diese organisatorischen Notwendigkeiten den Alltag bestimmen, desto schwieriger kann individuelle Selbstbestimmung werden.

Besonders schwierig für alleinlebende Menschen

Eine zentrale Zukunftsfrage betrifft Menschen ohne Partner, Kinder oder nahe Angehörige.

Solange jemand gesund ist, spielt das häufig kaum eine Rolle.

Mit zunehmendem Unterstützungsbedarf kann sich die Situation jedoch grundlegend verändern.

Wer organisiert Arzttermine, Einkäufe, Pflegedienst, Haushalt, Anträge und Medikamente?

In vielen Familien übernehmen genau diese Aufgaben Ehepartner oder Kinder.

Fehlen solche Personen, braucht es professionelle Strukturen, die diese Lücke schließen.

Angehörige dürfen nicht zum Ersatz für fehlende Strukturen werden

Auch Angehörige brauchen Unterstützung.

Viele Familien versuchen über Jahre, Beruf, eigene Kinder und die Pflege ihrer Eltern miteinander zu vereinbaren.

Dabei geht es längst nicht nur um Körperpflege.

Hinzu kommen Arztbesuche, Telefonate mit Versicherungen und Pflegekassen, Medikamentenpläne, Anträge, Einkäufe und Fahrdienste.

Je besser professionelle und wohnortnahe Unterstützungsangebote funktionieren, desto weniger hängt die Versorgung davon ab, wie viel eine einzelne Familie leisten kann.

Pflegeheime werden weiterhin gebraucht

Die Diskussion bedeutet nicht, dass Pflegeheime überflüssig sind.

Es wird weiterhin Menschen geben, die eine intensive stationäre Betreuung benötigen.

Bei schwerer Demenz, komplexen Erkrankungen oder sehr hohem Pflegebedarf kann eine professionelle Einrichtung notwendig und sinnvoll sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Pflegeheim oder kein Pflegeheim?

Sondern:

Warum gibt es für viele Menschen nicht mehr Möglichkeiten zwischen einem vollständig selbstständigen Leben zu Hause und dem dauerhaften Einzug in ein Pflegeheim?

Pflege beginnt bei der Wohnung

Auch die Wohnsituation entscheidet darüber, wie lange Menschen selbstständig bleiben können.

Barrierefreie Wohnungen, Aufzüge, erreichbare Geschäfte, öffentlicher Nahverkehr, Ärzte und soziale Treffpunkte können erheblichen Einfluss haben.

Schon eine Treppe kann irgendwann darüber entscheiden, ob jemand seine Wohnung noch selbstständig verlassen kann.

Damit gehören auch Wohnungsbau und Stadtplanung zu einer langfristigen Pflegepolitik.

Deutschland braucht mehr Zwischenlösungen

Das deutsche Pflegesystem steht angesichts einer alternden Bevölkerung und des Mangels an Pflegekräften vor erheblichen Herausforderungen.

Mehr Geld allein dürfte deshalb nicht sämtliche Probleme lösen.

Entscheidend ist auch, wie Pflege organisiert wird.

Internationale Ansätze zeigen eine mögliche Richtung:

Weniger starre Grenzen zwischen Zuhause und Heim, frühere Unterstützung im Alltag, kleinere Wohnformen, wohnortnahe Versorgung, Entlastung der Angehörigen und mehr Selbstbestimmung.

Gute Pflege bedeutet mehr als Versorgung

Am Ende geht es um einen Perspektivwechsel.

Ein Pflegesystem kann fragen:

„Wie versorgen wir möglichst viele pflegebedürftige Menschen?“

Oder es kann fragen:

„Wie ermöglichen wir Menschen trotz Pflegebedürftigkeit möglichst lange ein selbstbestimmtes und gesellschaftlich eingebundenes Leben?“

Gute Pflege bedeutet deshalb nicht nur, dass Essen bereitsteht, Medikamente gegeben werden und die körperliche Versorgung gesichert ist.

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