Ein menschlicher Schädel, eine mumifizierte Hand oder andere jahrhundertealte menschliche Überreste – was nach einem Museumsfund klingt, wird offenbar zunehmend zur Ware im Internet. Auf Online-Plattformen und bei Auktionshäusern werden mumifizierte Körperteile zum Kauf angeboten.
Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung wirft nun erhebliche Fragen zu diesem Handel auf. Forscher haben 128 Verkaufsangebote für mumifizierte menschliche Überreste untersucht. Ihr Befund: Informationen über Herkunft, sichere Handhabung, Lagerung und Transport fehlen bei solchen Angeboten häufig.
Dabei geht es nicht nur um archäologische oder ethische Fragen. Von manchen menschlichen Überresten können auch gesundheitliche Risiken ausgehen.
Das Problem ist für private Käufer besonders schwer einzuschätzen: Von außen lässt sich kaum erkennen, mit welchen Stoffen eine Mumie behandelt wurde, unter welchen Bedingungen sie gelagert wurde oder woher sie ursprünglich stammt.
128 Verkaufsangebote untersucht
Die Wissenschaftler untersuchten insgesamt 128 Angebote für mumifizierte menschliche Überreste.
Darunter befinden sich nicht ausschließlich vollständige Mumien. Auch einzelne Körperteile wie Schädel oder mumifizierte Gliedmaßen werden gehandelt.
Nach Darstellung von BR24 kommen solche Angebote unter anderem auf Online-Plattformen und bei Online-Auktionshäusern vor. Die Forscher sehen Hinweise darauf, dass das Angebot in den vergangenen Jahren zugenommen hat.
Besonders problematisch: Wesentliche Informationen fehlen offenbar häufig.
Käufer erfahren teilweise nicht ausreichend, wie ein Objekt sicher transportiert, ausgepackt, aufbewahrt oder untersucht werden sollte.
Auch die Herkunft ist nicht immer nachvollziehbar.
Gefahr nicht durch einen „Fluch“, sondern durch reale Stoffe
Die Vorstellung vom „Fluch des Pharao“ gehört seit Jahrzehnten zur Populärkultur.
Die tatsächlichen Gefahren sind wesentlich profaner – und wissenschaftlich greifbarer.
Kirsty Squires, Mitautorin der Studie, sieht laut BR24 insbesondere das Risiko, dass Käufer, Händler sowie Beschäftigte von Post- und Zollunternehmen mit biologischen oder chemischen Gefahrstoffen in Berührung kommen könnten.
Das Risiko kann insbesondere dann relevant werden, wenn menschliche Überreste unzureichend verpackt wurden oder eine Verpackung beim Transport beschädigt wird.
Damit betrifft das Problem keineswegs nur den Käufer.
Auch Menschen, die überhaupt nicht wissen, was sich in einem Paket befindet, könnten damit in Kontakt kommen.
Schimmel statt jahrtausendealter Viren
Bei einer Mumie dürfte mancher zunächst an uralte Krankheitserreger denken.
Nach Einschätzung von Albert Zink, Leiter der Staatssammlung für Anthropologie in München, ist gerade dies normalerweise nicht das zentrale Problem.
Uralte Keime würden in der Regel nicht überleben.
Anders sieht es bei Schimmelsporen aus.
Sie können auf menschlichen Überresten vorhanden sein. Besonders für Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann eine entsprechende Belastung medizinisch problematisch werden.
Die Vorstellung einer geheimnisvollen jahrtausendealten Infektion lenkt damit möglicherweise sogar von den realistischeren Gefahren ab.
Arsen, Blei und Quecksilber
Noch ernster können die Risiken bestimmter historischer Einbalsamierungsverfahren sein.
Nach Angaben Zinks wurden ägyptische Mumien häufig mit Harzen oder Ölen behandelt. Von ihnen gehe deshalb normalerweise keine entsprechende Gefahr aus.
Anders kann es bei späteren Mumifizierungsverfahren aussehen.
Vor allem in Südeuropa seien im 18. und 19. Jahrhundert Verfahren verwendet worden, bei denen unter anderem Blei, Arsen oder Quecksilber zum Einsatz kamen.
Damit verändert sich die Risikobewertung erheblich.
Ein historisches Objekt kann dann gleichzeitig ein Gegenstand sein, der chemische Gefahrstoffe enthält.
Besonders problematisch ist Quecksilber, weil es bereits bei Raumtemperatur verdampfen kann. Eine entsprechende Belastung kann schwere gesundheitliche Schäden verursachen.
Käufer können das Risiko kaum selbst beurteilen
Genau darin liegt aus Verbrauchersicht eines der größten Probleme des Online-Handels.
Ein Käufer kann anhand einiger Fotos und einer Beschreibung normalerweise nicht erkennen, welche Substanzen vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten zur Konservierung verwendet wurden.
Auch die Lagerungsgeschichte bleibt möglicherweise unbekannt.
Wurde das Objekt jahrzehntelang feucht aufbewahrt? Gibt es Schimmel? Wurden später zusätzliche Konservierungsmittel eingesetzt? Wurde die Mumie restauriert? Welche Chemikalien kamen dabei zum Einsatz?
Fehlt eine belastbare Dokumentation, lassen sich solche Fragen nicht zuverlässig beantworten.
Auch Paketboten und Zollbeamte können betroffen sein
Die Problematik beginnt deshalb nicht erst im Wohnzimmer eines Sammlers.
Menschliche Überreste, die über das Internet verkauft werden, müssen normalerweise transportiert werden.
Das bedeutet, dass Verpackungs- und Versandunternehmen sowie gegebenenfalls Zollstellen mit ihnen in Kontakt kommen.
Solange das Paket geschlossen und fachgerecht verpackt ist, muss daraus nicht zwangsläufig eine Gefahr entstehen.
Beschädigt sich jedoch die Verpackung oder wurden potenziell belastete Gegenstände unsachgemäß verpackt, kann die Situation anders aussehen.
Genau auf diese Personengruppe weisen die Forscher ausdrücklich hin.
Woher stammt die angebotene Mumie?
Neben möglichen Gesundheitsgefahren stellt sich eine zweite zentrale Frage: Wem gehört ein menschlicher Überrest überhaupt?
Bei historischen Mumien kann die Provenienz kompliziert sein.
Ein Objekt kann vor Jahrzehnten legal nach damaligem Recht erworben worden sein. Trotzdem kann seine ursprüngliche Herkunft problematisch sein.
Albert Zink verweist gegenüber BR24 darauf, dass beispielsweise nicht immer geklärt sei, ob Überreste entwendet wurden oder aus einem historischen Unrechtskontext stammen.
Auch koloniale Zusammenhänge können eine Rolle spielen.
Ein Kaufbeleg des unmittelbaren Verkäufers beantwortet deshalb noch nicht automatisch die Frage, wie das Objekt ursprünglich in den Handel gelangte.
Eigentums- und Rückgabefragen können kompliziert werden
Hinzu kommt, dass bei menschlichen Überresten unterschiedliche rechtliche Regelungen und Ansprüche relevant werden können.
Das Herkunftsland oder eine bestimmte Gemeinschaft könnte Ansprüche geltend machen. Denkmal-, Kulturgut-, Einfuhr- oder Ausfuhrbestimmungen können ebenfalls eine Rolle spielen.
Welche Rechtslage gilt, hängt vom konkreten Objekt, seiner Herkunft, seinem Alter, dem Herkunftsstaat und der Erwerbs- und Exportgeschichte ab.
Deshalb wäre es zu pauschal, den privaten Handel mit Mumien grundsätzlich als illegal zu bezeichnen.
Umgekehrt sollte aus einem Verkaufsangebot auf einer bekannten Plattform keinesfalls automatisch geschlossen werden, dass Herkunft, Exportgeschichte und Eigentumsverhältnisse zweifelsfrei geklärt sind.
Menschliche Überreste sind keine gewöhnlichen Sammlerobjekte
Hinzu kommt eine Dimension, die bei Münzen, Gemälden oder historischen Möbeln nicht in gleicher Weise besteht.
Eine Mumie war einmal ein Mensch.
Mumifizierung war zudem häufig Bestandteil einer Bestattungs- und Erinnerungskultur.
Zink äußert deshalb grundsätzliche ethische Bedenken gegen den privaten Handel mit diesen Überresten.
Aus wissenschaftlicher Perspektive können außerdem wichtige Informationen verloren gehen, wenn menschliche Überreste aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen und einzeln weiterverkauft werden.
Auch die Mumie selbst kann Schaden nehmen
Der Online-Handel birgt nicht nur Risiken für Menschen.
Auch die historischen Überreste selbst können beschädigt werden.
Mumifizierte Körperteile können empfindlich gegenüber Veränderungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit sowie gegenüber mechanischer Belastung sein.
Ein gewöhnlicher Paketversand ist mit einer fachgerechten konservatorischen Behandlung eines Museumsobjekts kaum vergleichbar.
Nach Einschätzung Zinks besteht deshalb auch die Gefahr, dass Objekte bei unsachgemäßem Transport beschädigt werden oder verloren gehen.
Damit kann unwiederbringliches historisches Material zerstört werden.
Vorsicht bei Angeboten ohne nachvollziehbare Provenienz
Aus Verbrauchersicht sollten insbesondere Angebote kritisch betrachtet werden, bei denen wesentliche Informationen fehlen.
Eine bloße Beschreibung wie „ägyptische Mumie“, „antiker Schädel“ oder „historisches Mumienteil“ liefert noch keinen belastbaren Herkunftsnachweis.
Entscheidend wäre eine nachvollziehbare Dokumentation darüber, woher das Objekt stammt, wann und unter welchen Umständen es ausgeführt wurde, über welche Vorbesitzer es verfügte und welche konservatorischen Behandlungen vorgenommen wurden.
Fehlen solche Angaben, entstehen mehrere Unsicherheiten gleichzeitig: hinsichtlich Authentizität, Eigentumsverhältnissen, möglicher Rückgabeansprüche, Erhaltungszustand und potenzieller Schadstoffe.
Bereits eine Mumie gekauft – was nun?
Wer bereits mumifizierte menschliche Überreste besitzt und deren Herkunft oder Zustand nicht einschätzen kann, sollte nicht versuchen, das Objekt selbst zu reinigen, zu restaurieren oder auseinanderzunehmen.
BR24 verweist auf die Möglichkeit, sich an ein Landesdenkmalamt oder eine wissenschaftliche Einrichtung wie eine anthropologische Sammlung zu wenden.
Dort kann zunächst geklärt werden, welche Fachleute für das konkrete Objekt zuständig sind.
Insbesondere bei unbekannter Konservierungsgeschichte erscheint ein vorsichtiger Umgang sinnvoll.
Der Online-Marktplatz ersetzt keine Herkunftsprüfung
Der Handel mit Mumien verdeutlicht ein grundsätzliches Problem des digitalen Antiquitätenmarktes.
Ein Gegenstand kann mit wenigen Klicks weltweit angeboten werden. Seine Geschichte lässt sich dagegen nicht ebenso schnell überprüfen.
Bei menschlichen Überresten sind die Folgen besonders weitreichend.
Es geht gleichzeitig um Gesundheitsschutz, Kulturgutschutz, Eigentumsfragen, wissenschaftlichen Informationsverlust und den respektvollen Umgang mit Verstorbenen.
Ein professionell gestaltetes Angebot und ein hoher Verkaufspreis sind deshalb keine Garantie für eine lückenlose Provenienz oder einen gefahrlosen Umgang.
Fazit: Der wirkliche „Fluch der Mumie“ kommt möglicherweise per Paketdienst
Die Vorstellung vom magischen Fluch eines Pharaos gehört ins Reich der Legenden.
Die Probleme des modernen Mumienhandels sind dagegen sehr real.
Eine Untersuchung von 128 Verkaufsangeboten zeigt, dass bei online angebotenen menschlichen Überresten wichtige Informationen zu Herkunft, Handhabung, Lagerung und Transport häufig fehlen.
Hinzu kommen mögliche Belastungen durch Schimmel oder historische Konservierungsstoffe. Bei bestimmten Mumifizierungsverfahren wurden Stoffe wie Blei, Arsen und Quecksilber eingesetzt.
Und selbst wenn gesundheitlich keine Gefahr besteht, bleiben möglicherweise schwierige Fragen zur Herkunft: Wurde das Objekt rechtmäßig ausgeführt? Stammt es aus einem kolonialen oder anderen Unrechtskontext? Bestehen Rückgabeansprüche? Und ist es ethisch vertretbar, menschliche Überreste als privates Sammlerobjekt zu handeln?
Gerade beim Online-Kauf kann der Interessent viele dieser Fragen vor Vertragsschluss kaum selbst überprüfen.
Deshalb ist die wichtigste Erkenntnis der aktuellen Untersuchung zugleich eine Warnung vor vermeintlich unkomplizierten Internetgeschäften: Eine Mumie ist kein gewöhnliches Antiquitätenpaket – weder gesundheitlich noch rechtlich, wissenschaftlich oder ethisch.