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1,5-Grad-Grenze wohl nicht mehr zu halten: UN warnt vor gefährlichem „Overshoot“ – jetzt zählt jedes Zehntelgrad

makabera (CC0), Pixabay

Die Klimapolitik steht nach Einschätzung des UN-Umweltprogramms vor einer neuen und unangenehmen Realität: Ein vorübergehendes Überschreiten der globalen Erwärmung von 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau gilt inzwischen als unvermeidlich. Entscheidend sei deshalb, wie stark und wie lange die Erde über dieser Marke liegt – und ob es anschließend gelingt, die Temperatur möglichst schnell wieder darunter zu drücken.

Genau damit beschäftigt sich der neue Bericht „Limiting Overshoot“ des UN-Umweltprogramms UNEP.

Die Botschaft dahinter ist keineswegs, dass die 1,5-Grad-Marke damit bedeutungslos geworden wäre. Im Gegenteil: Nach Auffassung der Experten steigen Risiken und Schäden mit jedem zusätzlichen Bruchteil eines Grades.

UN-Generalsekretär António Guterres formuliert die Warnung drastisch: Die sengende Hitze, verheerenden Waldbrände und tödlichen Überschwemmungen dieses Sommers seien eine „Warnung vor dem, was uns bevorsteht“.

Was „Overshoot“ überhaupt bedeutet

Der Begriff ist für die weitere Klimadebatte entscheidend.

„Overshoot“ bedeutet vereinfacht, dass die globale Durchschnittstemperatur die angestrebte Grenze von 1,5 Grad vorübergehend überschreitet, später aber wieder auf oder unter diese Marke zurückgebracht werden soll.

Damit verändert sich die Fragestellung.

Bislang dominierte die politische Forderung, eine Erwärmung über 1,5 Grad möglichst vollständig zu verhindern. Wenn ein Überschreiten nicht mehr vermeidbar ist, geht es zusätzlich darum, wie hoch die Temperaturspitze ausfällt und wie lange sie anhält.

Ein Anstieg auf beispielsweise 1,6 Grad wäre dabei nicht einfach genauso zu bewerten wie 1,8 oder zwei Grad.

UNEP hatte diesen Grundsatz bereits in früheren Berichten betont: 1,5 Grad seien besser als 1,6, 1,6 besser als 1,7 Grad. Jeder Bruchteil eines Grades beeinflusse unter anderem Schäden, Gefahren für Menschen, wirtschaftliche Verluste und die Belastung von Ökosystemen.

Überschreiten heißt nicht: Klimaschutz kann aufgegeben werden

Gerade hier besteht die Gefahr eines politischen Missverständnisses.

Wenn 1,5 Grad vorübergehend ohnehin überschritten werden, könnte daraus der Schluss gezogen werden: Das Ziel ist verfehlt, also kommt es auf zusätzliche Emissionsminderungen nicht mehr an.

Die wissenschaftliche Logik des Overshoot-Ansatzes führt jedoch zum genauen Gegenteil.

Je weniger zusätzliche Treibhausgase ausgestoßen werden, desto geringer kann das Überschreiten ausfallen. Und je geringer der Overshoot, desto kleiner sind grundsätzlich die zusätzlichen Risiken.

Die Klimakrise funktioniert schließlich nicht wie eine Prüfung, die entweder bestanden oder nicht bestanden wird. Es gibt keinen physikalischen Schalter, der bei exakt 1,5 Grad plötzlich von „ungefährlich“ auf „Katastrophe“ springt.

Stattdessen nehmen zahlreiche Risiken mit zunehmender Erwärmung zu.

Deshalb bleibt selbst nach dem erstmaligen Überschreiten der 1,5-Grad-Marke jedes vermiedene Zehntelgrad relevant.

Die zweite Herausforderung: Temperatur wieder senken

Noch schwieriger wird der zweite Teil der Strategie.

Wenn die Welt die 1,5-Grad-Marke überschreitet und anschließend wieder darunter gelangen soll, reicht es langfristig nicht, den weiteren Temperaturanstieg lediglich zu stoppen.

Dafür müsste die Konzentration klimawirksamer Treibhausgase entsprechend beeinflusst werden. Neben drastisch sinkenden Emissionen gewinnt damit auch die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre an Bedeutung.

Das macht einen Overshoot keineswegs zu einem bequemen Umweg.

Denn je höher und länger die Temperatur über dem Ziel liegt, desto größer können die zwischenzeitlichen Schäden sein. Und manche Veränderungen lassen sich nicht einfach rückgängig machen, nur weil die globale Durchschnittstemperatur Jahrzehnte später wieder fällt.

Genau deshalb ist die Dauer des Überschreitens ebenso entscheidend wie dessen Höhe.

„Jedes Bruchteil eines Grades“ bekommt enorme Bedeutung

Diese Erkenntnis verändert auch die politische Diskussion.

Statt ausschließlich darüber zu streiten, ob „1,5 Grad noch erreichbar“ sind, wird die entscheidende Frage zunehmend lauten:

Wie weit darüber geraten wir?

Denn zwischen einer Welt mit 1,6 Grad Erwärmung und einer mit zwei oder sogar drei Grad bestehen erhebliche Unterschiede.

Bereits der UNEP-Emissionsbericht 2024 hatte gewarnt, dass die damals bestehenden Klimazusagen die Welt auf eine Erwärmung von etwa 2,6 bis 2,8 Grad im Laufe dieses Jahrhunderts führten. Unter den damals tatsächlich umgesetzten politischen Maßnahmen lag die Projektion sogar bei rund 3,1 Grad.

Das verdeutlicht, warum die Diskussion nicht bei 1,5 Grad enden kann.

Selbst wenn diese Marke zeitweise überschritten wird, macht es einen gewaltigen Unterschied, ob die Erwärmung anschließend stabilisiert und wieder reduziert werden kann oder weiter in Richtung zwei, zweieinhalb oder drei Grad steigt.

Extremwetter wird zum politischen Warnsignal

Guterres verbindet die wissenschaftliche Analyse deshalb unmittelbar mit den Extremereignissen dieses Sommers.

Hitze, Waldbrände und Überschwemmungen sollen verdeutlichen, dass höhere Temperaturen keine abstrakte Zahl in einem Klimamodell sind.

Allerdings ist bei einzelnen Extremereignissen eine wichtige wissenschaftliche Einschränkung notwendig: Nicht jedes einzelne Feuer, jede Überschwemmung oder jede Hitzewelle lässt sich allein auf den menschengemachten Klimawandel zurückführen.

Der Klimawandel kann jedoch Häufigkeit und Intensität bestimmter Extremereignisse beeinflussen und deren Wahrscheinlichkeit erhöhen. Wie stark dieser Einfluss bei einem konkreten Ereignis war, muss gegebenenfalls durch Attributionsforschung untersucht werden.

Die 1,5 Grad sind damit nicht plötzlich bedeutungslos

Das ist vermutlich die wichtigste Botschaft des neuen Berichts.

Die Debatte um die 1,5-Grad-Grenze könnte sonst in eine gefährliche Alles-oder-nichts-Logik abrutschen: Ziel überschritten, Mission gescheitert.

Doch klimaphysikalisch funktioniert es nicht so.

1,6 Grad sind nicht dasselbe wie zwei Grad. Zwei Grad sind nicht dasselbe wie drei Grad.

UNEP hatte schon 2024 ausdrücklich davor gewarnt, dass sich die Folgen auf einer gleitenden Skala verschärfen und deshalb jedes Bruchteil eines Grades zählt.

Genau deshalb bedeutet ein unvermeidlicher Overshoot nicht das Ende des 1,5-Grad-Ziels als Orientierungspunkt. Er verändert vielmehr die Aufgabe: Das Überschreiten muss möglichst klein und möglichst kurz gehalten werden.

Die unangenehme Wahrheit lautet damit: Die Welt diskutiert nicht mehr nur darüber, wie sie verhindert, die rote Linie zu überschreiten. Sie muss sich zunehmend darauf vorbereiten, was passiert, wenn sie darüber hinausgerät – und wie sie anschließend wieder zurückkommt.

Und gerade deshalb ist Guterres‘ Warnung so eindringlich: Die Katastrophen eines einzelnen Sommers sollen nicht als Bild einer unausweichlichen Zukunft verstanden werden, sondern als Hinweis darauf, wie viel davon noch verhindert werden kann – Zehntelgrad für Zehntelgrad.

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