Trotz wachsender Kritik an Donald Trump bleibt der frühere US-Präsident für Millionen Menschen weltweit eine starke Identifikationsfigur. Selbst politische Krisen, wirtschaftliche Probleme oder umstrittene Aussagen haben seine Anhängerschaft bislang nicht dauerhaft erschüttert. Die slowenische Philosophin und Soziologin Renata Salecl sieht die Gründe dafür nicht nur in Politik oder Wirtschaft – sondern tief in den psychologischen Mechanismen der modernen Gesellschaft.
Salecl, die unter anderem am Institut für Kriminologie der Universität Ljubljana forscht und an der University of London lehrt, beschäftigt sich seit Jahren mit gesellschaftlicher Unsicherheit, Anerkennung und moderner Identitätsbildung. Bei einem Vortrag im Freud Museum Wien erklärte sie, warum Trump für viele Menschen weit mehr ist als nur ein Politiker.
Der Mythos vom Außenseiter
Nach Ansicht von Renata Salecl begann die Grundlage für Trumps Erfolg bereits in den 1970er Jahren – mit dem Aufstieg neoliberaler Ideologien. Damals setzte sich zunehmend die Vorstellung durch, dass jeder Mensch durch eigene Leistung erfolgreich werden könne.
Doch für viele Menschen erfüllte sich dieses Versprechen nie. Statt sozialem Aufstieg erlebten viele:
- wirtschaftlichen Druck,
- Abstiegsängste,
- Arbeitsplatzverluste
- und wachsende Unsicherheit.
In dieser Stimmung entstand laut Salecl eine starke Entfremdung vom politischen Establishment. Donald Trump gelang es, diese Unzufriedenheit für sich zu nutzen:
als reicher Geschäftsmann,
aber zugleich als vermeintlicher Außenseiter gegen „das System“.
Grenzüberschreitungen als Identifikationsfläche
Besonders wichtig sei dabei Trumps demonstrative Grenzüberschreitung gewesen. Seine grobe Sprache, öffentliche Beleidigungen und Provokationen hätten viele Menschen fasziniert.
Salecl erklärt:
Viele Menschen wollten sich selbst vielleicht nicht so verhalten wie Trump – aber sie genössen es, jemanden dabei zu beobachten, der gesellschaftliche Regeln demonstrativ missachtet.
Gerade seine Unhöflichkeit und seine aggressive Kommunikation hätten den öffentlichen Diskurs verändert. Plattformen wie:
- Truth Social
wurden dabei zum Symbol einer neuen Kommunikationskultur, in der Reichweite oft wichtiger erscheint als Fakten.
Alternative Wahrheiten und der Verlust von Autorität
Spätestens während der Corona-Pandemie habe sich laut Salecl ein grundlegender Wandel verstärkt:
Wissenschaft, klassische Medien und traditionelle Institutionen verloren für viele Menschen an Autorität.
Stattdessen gewannen:
- Influencer,
- soziale Netzwerke
- und emotionale Botschaften
immer mehr Einfluss.
Die Frage, ob etwas wahr oder falsch sei, werde zunehmend nicht mehr durch Fakten entschieden, sondern durch Aufmerksamkeit und Reichweite.
Trump habe diesen Wandel besonders geschickt genutzt.
Anerkennung als psychologischer Schlüssel
Ein zentraler Punkt in Salecls Analyse ist das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung.
Soziale Netzwerke verstärken dieses Bedürfnis massiv:
- durch Likes,
- Kommentare,
- Reichweite
- und digitale Aufmerksamkeit.
Dabei könne sogar negatives Verhalten Anerkennung erzeugen.
Salecl verweist auf Studien, wonach viele Menschen Fake News nicht primär verbreiten, um andere zu überzeugen – sondern um Reaktionen hervorzurufen. Wut und Empörung anderer würden ebenfalls als Form sozialer Aufmerksamkeit erlebt.
Trump als Ausdruck von Schmerz und Kränkung
Besonders interessant findet Salecl, dass Trump nicht nur Stärke verkörpere, sondern gleichzeitig auch Verletzlichkeit und Kränkung.
Vor seiner Präsidentschaft habe Trump sich im politischen und gesellschaftlichen Establishment New Yorks nie vollständig anerkannt gefühlt. Dieses Gefühl des Außenseitertums transportiere er bis heute.
Gerade damit könnten sich viele Menschen identifizieren:
- mit dem Gefühl, übersehen zu werden,
- nicht ernst genommen zu werden
- oder gesellschaftlich abgehängt zu sein.
Trump verbinde deshalb Macht mit persönlicher Kränkung — eine Kombination, die emotional stark wirke.
Soziale Netzwerke verstärken emotionale Politik
Nach Ansicht der Philosophin verändert das digitale Zeitalter die Politik grundsätzlich. Emotionen, Provokationen und Aufmerksamkeit seien heute oft wirkungsvoller als klassische politische Inhalte.
Das erkläre auch, warum polarisierende Figuren wie Trump weiterhin enorme Reichweiten erzielen:
Sie erzeugen starke emotionale Reaktionen — sowohl bei Anhängern als auch bei Gegnern.
Eine „Psychopathologie der Gegenwart“
Renata Salecl spricht deshalb von einer Art „Psychopathologie der Gegenwart“. Gemeint ist eine Gesellschaft,
- die stark von Unsicherheit geprägt ist,
- in der Anerkennung ständig gesucht wird,
- und in der soziale Medien emotionale Konflikte verstärken.
Donald Trump sei dabei weniger die Ursache als vielmehr ein Symptom dieser Entwicklung.
Sein Erfolg zeige, wie sehr moderne Politik inzwischen auch von psychologischen Bedürfnissen, digitalen Dynamiken und gesellschaftlichen Ängsten geprägt wird.