Wenn Arztpraxen geschlossen sind, beginnt für viele Patienten eine wichtige Anlaufstelle: der ärztliche Bereitschaftsdienst. Unter der Nummer 116 117 erhalten Menschen medizinische Hilfe bei akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden. Doch während Patienten auf schnelle Unterstützung hoffen, geraten die Ärzte hinter dem System zunehmend unter Druck.
Hohe Nachfrage an Feiertagen und Wochenenden
Gerade an Feiertagen wie Karfreitag oder über lange Wochenenden steigt die Nachfrage deutlich an. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) greifen allein an einem Feiertag durchschnittlich rund 2.200 Menschen zum Telefon, um den Bereitschaftsdienst zu kontaktieren.
Die Gründe sind vielfältig:
Infekte, Fieber, Schmerzen oder plötzlich auftretende Beschwerden, die nicht bis zum nächsten Werktag warten können. Auch organisatorische Anliegen spielen eine Rolle – etwa wenn kurzfristig eine Krankschreibung benötigt wird.
Im Jahr 2025 nutzten rund 185.000 Patienten den allgemeinärztlichen Bereitschaftsdienst in Schleswig-Holstein, hinzu kamen über 43.000 Fälle im kinderärztlichen Bereich. Diese Zahlen verdeutlichen die zentrale Bedeutung des Systems – aber auch die enorme Belastung.
Alltag im Ausnahmezustand
Hinter der Notrufnummer steht ein komplexes Netzwerk aus Bereitschaftspraxen und mobilen Ärzten. In Schleswig-Holstein betreibt die KVSH 32 Anlaufpraxen, meist in unmittelbarer Nähe zu Krankenhäusern. Ergänzt wird das Angebot durch Hausbesuche sowie spezialisierte Dienste etwa für Kinderheilkunde, Augenheilkunde oder Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen.
Trotz dieser Struktur arbeiten zu Spitzenzeiten lediglich 60 bis 80 Ärzte gleichzeitig im Dienst. Angesichts tausender Anfragen pro Tag führt das zwangsläufig zu Engpässen.
Hausärztevertreter wie Jens Lassen kritisieren, dass die Belastung für die Mediziner stetig steigt, während die strukturelle Unterstützung nicht im gleichen Maße mitwächst. Viele Ärzte leisten den Bereitschaftsdienst zusätzlich zu ihrer regulären Tätigkeit – oft mit langen Arbeitszeiten und wenig Erholungsphasen.
Zwischen Notfall und Bagatelle
Ein zentrales Problem liegt in der Nutzung des Bereitschaftsdienstes selbst. Viele Patienten wenden sich mit Beschwerden an den Dienst, die auch bis zum nächsten Werktag warten könnten. Gleichzeitig gibt es Fälle, die eigentlich in eine Notaufnahme gehören.
Diese Fehlsteuerung verschärft die Situation: Ressourcen werden gebunden, Wartezeiten verlängern sich und die Arbeitsbelastung steigt weiter.
Experten sehen hier ein strukturelles Informationsdefizit. Vielen Menschen sei nicht klar, wann sie den Bereitschaftsdienst kontaktieren sollten – und wann andere Versorgungswege sinnvoller wären.
System unter Druck
Der Bereitschaftsdienst ist ein unverzichtbarer Bestandteil der medizinischen Versorgung in Deutschland. Er schließt die Lücke zwischen regulären Arztpraxen und Notaufnahmen. Doch genau diese Schnittstellenfunktion macht ihn anfällig für Überlastung.
Steigende Patientenzahlen, Fachkräftemangel und zunehmende Bürokratie verschärfen die Lage zusätzlich. Gleichzeitig wächst die Erwartungshaltung der Patienten an eine schnelle und unkomplizierte Versorgung – auch außerhalb regulärer Zeiten.
Reformbedarf wird deutlicher
In Fachkreisen wird zunehmend über Reformen diskutiert. Dazu gehören:
- bessere Steuerung der Patientenströme
- stärkere Digitalisierung, etwa durch telemedizinische Angebote
- gezielte Entlastung der Ärzte durch zusätzliche Strukturen
- mehr Aufklärung über die richtige Nutzung des Systems
Ziel ist es, den Bereitschaftsdienst langfristig stabil zu halten, ohne die Belastung für das medizinische Personal weiter zu erhöhen.
Fazit
Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist für viele Menschen die erste Anlaufstelle außerhalb regulärer Sprechzeiten. Doch das System steht unter erheblichem Druck. Während die Nachfrage steigt, stoßen die vorhandenen Strukturen zunehmend an ihre Grenzen.
Für Patienten bedeutet das: längere Wartezeiten und eingeschränkte Kapazitäten. Für Ärzte: wachsende Belastung und ein System, das dringend weiterentwickelt werden muss.