Die Mittelverwendungskontrolle zum Crowdinvesting-Projekt „Solarenergie für Kolumbien“ der Ongresso Energy AG liefert zunächst ein positives Signal: Die eingesammelten Anlegergelder wurden laut Bericht der Rödl Treuhand Hamburg GmbH ordnungsgemäß und vertragskonform verwendet.
Für Anleger bedeutet das jedoch nur eine formale Bestätigung – die wirtschaftliche Bewertung fällt deutlich differenzierter aus.
Formale Prüfung: Mittelverwendung bestätigt
Im Rahmen der Kontrolle nach § 5c Vermögensanlagengesetz wurde festgestellt:
- Rund 373.000 Euro Anlegerkapital eingesammelt
- Ein Großteil der Mittel planmäßig investiert
- Zahlungsflüsse dokumentiert und vertraglich gedeckt
- Keine Hinweise auf zweckwidrige Verwendung
Diese Feststellung ist aus rechtlicher Sicht zentral: Die Mittelverwendung entspricht den Vorgaben des Vermögensanlagen-Informationsblatts (BIB).
Wichtig:
Eine solche Bestätigung betrifft ausschließlich die korrekte Verwendung, nicht die wirtschaftliche Tragfähigkeit oder Sicherheit der Anlage.
Struktur des Investments: Mehrstufig und komplex
Das Investment folgt einem typischen Crowdinvesting-Modell mit mehreren Ebenen:
- Anleger gewähren ein Nachrangdarlehen an die Emittentin
- Weitergabe als Gesellschafterdarlehen an ein Joint Venture in Kolumbien
- Einsatz der Mittel für Solarprojekte vor Ort
- Rückzahlung über Erlöse aus Stromabnahmeverträgen
Diese Struktur ist rechtlich zulässig, erhöht aber die Komplexität.
Kritischer Punkt:
Anleger haben keinen direkten Zugriff auf die Projektgesellschaft oder die Anlagen – sie sind vollständig von der Zahlungsfähigkeit der Emittentin abhängig.
Nachrangdarlehen: Zentrales Risiko
Wie bei vielen Crowdinvesting-Projekten handelt es sich um ein Nachrangdarlehen mit vorinsolvenzlicher Durchsetzungssperre.
Das bedeutet:
- Rückzahlung erst nach anderen Gläubigern
- Im Krisenfall droht Totalverlust
- eingeschränkte Durchsetzungsmöglichkeiten
Diese Konstruktion ist ein wesentliches Risiko – insbesondere für Privatanleger.
Projekt selbst: Erneuerbare Energie mit Potenzial
Positiv hervorzuheben ist das zugrunde liegende Geschäftsmodell:
- Bau mehrerer Photovoltaikanlagen in Kolumbien
- langfristige Stromabnahmeverträge (10–15 Jahre)
- Abnehmer sind etablierte Unternehmen wie Energieversorger und Handelskonzerne
Diese Faktoren sprechen grundsätzlich für eine planbare Einnahmestruktur.
Auch die EPC-Verträge (schlüsselfertige Bauverträge) reduzieren technische Risiken, da der Auftragnehmer Planung, Bau und Betrieb übernimmt.
Auslandsrisiko: Entscheidender Faktor
Ein wesentlicher Risikotreiber liegt im Standort Kolumbien:
- politische und regulatorische Unsicherheiten
- Währungsrisiken (Einnahmen in lokaler Währung)
- Durchsetzung von Ansprüchen im Ausland erschwert
Für Anleger bedeutet das: Selbst bei funktionierendem Projekt können externe Faktoren die Rückzahlung beeinflussen.
Kapitalverwendung: Noch nicht vollständig investiert
Auffällig ist zudem:
- Rund 96.000 Euro der eingesammelten Mittel sind noch nicht investiert
- Ein Teil davon befindet sich noch in der Widerrufsphase
Das ist nicht ungewöhnlich, zeigt aber, dass sich das Projekt noch in einer frühen Umsetzungsphase befindet.
Kostenstruktur: Relevanter Anteil für Gebühren
Ein weiterer Punkt aus Anlegersicht:
- Rund 28.000 Euro wurden für Gebühren (Plattform, Vermittlung, Kontrolle) verwendet
Das entspricht einem nicht unerheblichen Anteil des eingesammelten Kapitals.
Einordnung:
Diese Kosten sind branchenüblich, reduzieren aber das tatsächlich investierte Kapital.
Kritische Gesamtbewertung
Das Projekt kombiniert mehrere typische Crowdinvesting-Risikofaktoren:
Risiken:
- Nachrangdarlehen (Totalverlustrisiko)
- mehrstufige Struktur
- Abhängigkeit von Konzern- und Projektgesellschaft
- Auslandsexponierung (Kolumbien)
- Währungs- und politische Risiken
Chancen:
- wachsender Markt für erneuerbare Energien
- langfristige Stromabnahmeverträge
- technisch klar definiertes Projekt
- bisher planmäßige Umsetzung