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Mit anpacken im Weinberg: Wie Südtirol seinen Tourismus neu erfindet

Leo_65 (CC0), Pixabay

Südtirol steht seit jeher für Bilderbuchpanoramen, mediterrane Leichtigkeit und alpinen Charme. Zwischen schneebedeckten Gipfeln und sonnendurchfluteten Plätzen wie dem Waltherplatz in Bozen genießen Gäste Cappuccino oder Aperol in der Frühlingssonne. Doch neben Bergsport, Wellness und Kulinarik etabliert sich eine neue Facette des Reisens: ein Weintourismus, der nicht nur verkosten, sondern teilhaben lässt.

Rund neun Millionen Besucher zählte die Region im vergangenen Jahr – deutlich weniger als das benachbarte Venetien mit seinen 22 Millionen Gästen. Von bedrängender Enge oder „Overtourism“ ist hier wenig zu spüren. Stattdessen setzt Südtirol auf Qualität, Authentizität und Nähe.

Wein als Erlebnisraum

Der Weinbau ist tief in der Kultur des Landes verwurzelt. Pinot Grigio, Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc, Gewürztraminer, Lagrein, Vernatsch oder Merlot – etwa 20 Rebsorten gedeihen zwischen 200 und 1000 Metern Höhe. Alpine Frische trifft auf mediterrane Wärme, was den Weinen ihre charakteristische Vielfalt verleiht. 326 Weingüter bewirtschaften das vergleichsweise kleine Anbaugebiet.

Neu ist nicht der Wein selbst, sondern der Zugang zu ihm. Immer mehr Winzer öffnen ihre Höfe, Keller und Weinberge für Besucher. Sie bieten Führungen an, laden zu Gesprächen ein und gewähren Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Das ist zeitaufwendig, gerade für kleinere Betriebe – und dennoch wächst die Bereitschaft, diesen Weg zu gehen.

Authentizität statt Pauschalprogramm

Heiner Pohl vom Marinushof im Vinschgau steht beispielhaft für diesen Ansatz. Er bewirtschaftet seinen Betrieb weitgehend allein, produziert neben Wein auch Obstbrände. Feste Besucherprogramme gibt es nicht – wer kommt, erlebt den Alltag so, wie er gerade ist. „Wir holen die Menschen immer in unser Leben“, lautet sein Credo.

Auch im Stroblhof in Eppan an der Weinstraße setzt die nächste Generation Akzente. Thomas Nicolussi-Leck führt den Keller seit zwei Jahren eigenständig und prägt die Handschrift der Weine zunehmend selbst. Sein Pinot Noir „Sepp Hanni“, benannt nach dem Großvater, wird nur in herausragenden Jahrgängen abgefüllt. Besteht der Wein den strengen Qualitätscheck nicht, bleibt er im Fass.

Solche Geschichten machen Verkostungen zu persönlichen Begegnungen. Wer Wein dort probiert, wo er wächst und reift, verbindet Geschmack mit Ort, Menschen und Erinnerungen. Nicht selten wandern am Ende einige Kisten in den Kofferraum – und mit ihnen ein Stück Südtirol.

Mitarbeit im Weinberg

Manche Winzer gehen noch weiter und lassen Gäste im Betrieb mithelfen. Rebschnitt im Winter, Laubarbeit im Sommer, Lese im Herbst – im Weinberg gibt es stets genug zu tun. Die romantischen Sonnenuntergangsbilder aus Prospekten weichen dann echter körperlicher Arbeit. Unerfahrene Helfer müssen angeleitet werden, und am Abend melden sich Rücken und Schultern deutlich zu Wort.

Doch genau diese Erfahrung schafft Bindung. Wer selbst Hand angelegt hat, betrachtet „seinen“ Wein anders. Aus einem Produkt wird ein persönliches Erlebnis. Für die Winzer bedeutet das im besten Fall nicht nur Unterstützung, sondern auch langfristige Kundenbeziehungen.

Potenzial für eine Erfolgsgeschichte

Südtirol verfügt über die Infrastruktur, um sein touristisches Angebot behutsam auszubauen. Wenn Gäste kommen, profitieren Hotels, Restaurants, Geschäfte und Wellnessbetriebe gleichermaßen. Der neue Weintourismus fügt sich dabei nahtlos in das bestehende Angebot ein – als Ergänzung, nicht als Ersatz.

Zwischen 300 Sonnentagen im Jahr, jahrhundertealten Familientraditionen und dem Mut junger Winzer, eigene Wege zu gehen, entsteht ein Modell, das Erlebnis und Handwerk verbindet. Wer hier anreist, bekommt nicht nur ein Glas eingeschenkt, sondern Einblick in eine Lebensweise. Und genau darin liegt die besondere Stärke dieses neuen, unverstellten Weintourismus.

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