Mitten in einem Schneesturm stand die Ukrainerin Iryna Wlasenko vor einer verzweifelten Entscheidung: Ihre schwer kranke siebenjährige Tochter musste dringend in ein Kinderkrankenhaus nach Kyjiw gebracht werden. Doch der Weg zum nächstgelegenen Bahnhof war aufgrund der Wetterbedingungen versperrt. In ihrer Not schrieb sie der staatlichen Bahngesellschaft Ukrzaliznyzja eine Nachricht – mit der ungewöhnlichen Bitte, den Zug in ihrem kleinen Dorf Korziwzi halten zu lassen. Die Antwort kam prompt: Der Zug würde außerplanmäßig stoppen. Am nächsten Morgen konnte sie ihre Tochter in Sicherheit bringen.
Diese Episode steht beispielhaft für die enorme Bedeutung der ukrainischen Eisenbahn im Krieg. Seit Beginn der russischen Invasion ist sie weit mehr als ein Transportmittel. Sie dient als Lebensader für Soldaten auf Heimaturlaub, für den Transport von Hilfsgütern und Verwundeten sowie als wichtigste Verbindung zwischen der Ukraine und dem Ausland. Da der zivile Flugverkehr vollständig eingestellt ist, reisen ausländische Staats- und Regierungschefs regelmäßig per Zug nach Kyjiw. Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzt die Bahn für Auslandsreisen über Polen.
Doch genau diese zentrale Rolle macht das Schienennetz zunehmend zum Ziel russischer Angriffe. In den vergangenen Monaten hat Russland seine Drohnen- und Raketenattacken auf Bahnhöfe, Gleisanlagen, Lokdepots und sogar Personenzüge deutlich intensiviert. Ende Januar wurden bei einem Drohnenangriff auf einen Zug in der Region Charkiw fünf Menschen getötet, mehrere Waggons gerieten in Brand. Unter den Passagieren befanden sich sowohl Zivilisten als auch Soldaten auf Heimreise.
Nach Angaben von Ukrzaliznyzja wurden seit Kriegsbeginn fast 100 Eisenbahner getötet. Allein im vergangenen Jahr zählte das Unternehmen über 1.100 Angriffe auf die Infrastruktur – mehr als in den beiden Jahren zuvor zusammen. Besonders im Fokus stehen Umspannwerke, Brücken und wichtige Verkehrsknotenpunkte. Ziel ist es offenbar, ganze Regionen wie Donezk, Sumy oder Tschernihiw vom Rest des Landes abzuschneiden und den wirtschaftlichen sowie militärischen Nachschub zu erschweren.
Auch Exportstrecken, etwa in Richtung Odessa, werden gezielt attackiert. Teilweise greifen mehrere Drohnen nacheinander denselben Standort an. Dennoch gelingt es den Reparaturteams immer wieder, Schäden in kürzester Zeit zu beheben. So wurden kürzlich vier zerstörte Brücken innerhalb von nur zehn Stunden wiederhergestellt.
Die Angriffe haben nicht nur eine strategische, sondern auch eine psychologische Dimension. Die Eisenbahn ist für viele Ukrainerinnen und Ukrainer ein Symbol für Stabilität und Zusammenhalt in Zeiten des Krieges. „Russland kann Gleise zerstören, aber nicht das System, das unser Land zusammenhält“, erklärte ein ukrainischer Regierungsvertreter.
Trotz anhaltender Bedrohung rollen die Züge weiter – als Zeichen von Widerstandskraft und als unverzichtbares Rückgrat einer Nation im Ausnahmezustand.